Liebe Gemeinde,
Gott sei Dank, es ist Sonntag. Es ist Sonntag, und wir lesen die Geschichte einer Heilung. Ein Mann wird gesund nach vielen Jahren - durch das Wort Jesu. Zwei Themenkreise bestimmen den Predigttext: zum einen das Thema Heilung, zum anderen aber auch die Heiligung des Sabbats. Es ist Jesu Handeln, das sinnvoll und segensreich eine Annäherung an den Text bietet: Heilung führt zur Heiligung. Mit dieser Blickrichtung möchte ich heute morgen dem Text begegnen. Die Heilung durch Jesus führt zur Heiligung des Lebens.
Doch bevor wir uns näher hineinbegeben, möchte ich uns denken und fragen lassen: Fühlen Sie sich eigentlich insgesamt gesund oder eher krank? Sind sie angeschlagen oder soweit ganz fit, vom Leben gezeichnet oder bisher prima durchgekommen? Das können wir alle Generationen fragen, nicht nur die älteren Menschen. Alle, die bereits einen gewissen Lebensweg zurückgelegt haben. Wie ist es bei Ihnen? Haben Sie ihre Ziele erreicht, Ihre Aufgaben erfüllt?
Wo würden Sie sich ansiedeln im Bild der Heilungsgeschichte am Teich Betesda? Mittendrin bei den Kranken, die in der Hoffnung auf Veränderung leben? Oder eher als neugieriger Beobachter? Vielleicht pflegen Sie aber auch zur Zeit einen Menschen und schauen mal bei Jesus, wie er mit Leid umgeht? Wenn wir auf unser Leben schauen und überlegen, ob unser Leben heil oder verwundet ist, schimmert im Rückblick sicher Dankbarkeit durch. Dankbarkeit für alles, was wir haben und erleben durften, da ist Zufriedenheit und Glück in den Jahren gewachsen. Aber zu jedem Dasein gehört auch das dringliche Gefühl von Unerfülltem. Die Älteren haben vielleicht Jahre verloren, weil Krieg, Nachkriegszeit, Wiederaufbau so viel Tribut verlangt haben. Ja, die ältere Generation hat vieles entbehren müssen. Die jüngere lebt mit einer anderen Form, aber nicht geringeren Form der unsicheren Zukunft.
Das Nachdenken über unser Leben wird nie eindeutig sein. Wie ist es in Ihrem Leben? Kranken Sie daran oder fühlen Sie sich gesund? Wie es auch um dich und mich, euch und uns steht, das Leben ist lebenswert - das lehrt uns der Predigttext heute morgen. Darum: schauen wir näher hin! In drei gezielten Blicken möchte ich mit Ihnen heute morgen auf den Text schauen, die Geschichte der Heilung am Sabbat ausleuchten. Zum Ersten: Wer ist eigentlich der Kranke und wo hält er sich auf? Zum Zweiten: Wie geht Jesus vor, wie kommt es zur Heilung? Und drittens: Was dürfen wir hoffen?
Vor uns liegt, hockt, windet sich ein kranker Mensch. Ein 38-jähriger ist von Geburt aus krank, schwach, erbarmungslos vom Leben ausgeschlossen, ohne Ziel, ohne Heimat, ohne Sinn. Was ihn trägt, ist die Hoffnung, einmal am Teich Betesda, am Wasser des Lebens wieder Leben zu erlangen. Denn, so sagt es die Tradition: Wenn sich das Wasser bewegt, wird der erste, der es berührt, wieder gesund, weil dann dort die Engel ein Bad nehmen. Ein schönes aber zugleich auch makaberes Bild. Stellen wir uns nur einmal vor, wer und was sich dort so alles aufhält. Da ist von Kranken, Blinden, Lahmen und Ausgezehrten die Rede. Alles Menschen, die den Sinn ihres Lebens nur noch in der Heilung suchen und erwarten. Aber nur der erste, der das Wasser berührt, wird gesund. Schon den zweiten beissen die Hunde, denn der hat verloren, versagt, „geloost“, wie die Konfirmanden unverblümt die Schwachen und Unverstandenen in ihren Klassen bezeichnen.
Auch unsere Hauptfigur des Bibeltextes bei Johannes scheint dazuzugehören, wer bemüht sich schon 38 Jahre lang, eine lebensbedrohliche und in jeder Hinsicht lebensbehindernde Krankheit loszuwerden, und das wohlgemerkt ohne jeden Erfolg. Immer irgendwie weggedrängt und abgelenkt, überrumpelt und überfahren werden. Das Wasser hatte sich bewegt, aber da war einer schneller, es war bereits zu spät. Doch der Kranke bleibt hartnäckig, sucht das Heil, auch wenn Hoffnung und Zuversicht immer kleiner werden. Es ist bewundernswert, dass sich dieser Mensch nicht bereits das Leben genommen hat, sein Schicksal selbst besiegelt oder zu Ende gebracht hat, an seiner Krankheit verzweifelt und verrückt geworden ist.
Die Krankheiten, von denen Johannes erzählt, sind auch heute nicht ungewöhnlich und selten. Wir haben es in Deutschland mit 10-18 Millionen chronisch Kranken zu tun, also 25 % der Krankenversicherten, das heißt, jeder Vierte muß mindestens einmal im Quartal zur ärztlichen Behandlung eine Praxis aufsuchen. Es gibt in den westlichen Industrienationen etwa sieben chronische Krankheiten, die eine solche intensive Behandlung bis zum Tod nach sich ziehen. Angeführt von Bluthochdruck über Diabetes und Krebs gehen die chronischen Leiden bis hin zur Altersdemenz, zu Herz- und Lungenerkrankungen und schließlich zur Schizophrenie. Insgesamt 40 % der Hausarztpatienten und -patientinnen sind heute in Form einer dieser Krankheitsbilder chronisch erkrankt.
Das heißt im Klartext: etwa ein Viertel der Gottesdienstbesucher gehören nach dieser Rechnung zu den Langzeitpatienten und -innen. Haben diese Menschen also wie der 38-jährige irgendwie den Kairos verpasst, die Gunst der Stunde nicht wirklich genutzt, um wieder zu gesunden?
Ein Ausleger dieses Textes kommt zu der treffenden Bezeichnung, diese Personen gehören zu der Gruppe der Ohne-Menschen. Denn, es sind Menschen, ohne Sehkraft, ohne Stehkraft, ohne Hör- und Spürkraft, vielleicht gar ohne Lebenskraft und vor allem ohne Mitmenschen, weil es eben Ohne-Menschen sind, denen viel fehlt und entgeht.
Wir alle kennen solche Menschen, wenn wir uns nicht selber bereits dazuzählen müssen. Ich kannte einen solchen Menschen, eine Frau, die auch nach Betesda ging, um dort Heilung zu suchen. Betesda, das Haus der Barmherzigkeit, wie es in der Übersetzung heißt, wurde für diese Frau mit dem Namen Anja nicht zum Ort des Heils und der Heilung. Ihre langjährige Krankheit hatte sich bereits im ganzen Körper ausgebreitet. Als ich sie vor zwei Jahren dort besuchte, leuchteten ihre Augen, ihre Stimme war fest und gefasst, ihre Hoffnung war irgendwie noch spürbar und erfahrbar, denn sie war auch erst Ende 30, das Leben noch vor sich. Einige Tage später starb sie im Beisein ihrer Freundinnen und Kolleginnen, zu spät für Heilung, nicht rechtzeitig genug am lebendigen Wasser, in dem die Engel ein Bad nehmen.
Das Leben ist kein Spaziergang, hat meine Oma immer gesagt, und die wusste, wovon sie sprach, nach zwei Weltkriegen. Aber das Leid in dieser Welt, die Ungerechtigkeit wird bleiben.
Doch was geschieht mit dem kranken Mann in unserem Predigttext, wie reagiert Jesus auf ihn?
Der Mann am Teich kann sich nicht selbst helfen, er braucht Hilfe, muss sich helfen lassen, um Heilung zu erfahren. Und, liebe Gemeinde, er ist auch dazu bereit. Bewundernswert finde ich, dass er sich noch nicht ganz eingerichtet hat in der Krankheit. Er kämpft. Er will sich Hilfe gefallen lassen, vertraut, dass jemand kommt, der ihn an die Hand nimmt und zum frischen Wasser führt. Zum ihm spricht Jesus: Willst du gesund werden? Diese Frage klingt wie ein Hohn angesichts des jahrzehntelangen Leidensdruckes, den der Kranke mit der Zeit aufgebaut hat.
„Willst du gesund werden?“ entspricht dem innersten Gefühl, der tiefen Sehnsucht, dem innigen Verlangen dieses Mannes. Ja, natürlich will er das, und wie sehr ersehnt er das. Einmal dazugehören dürfen zu den offenbar gesunden und vitalen, frischen, aufgeräumten, lebensfähigen und anerkannten Mitmenschen. Es ist schließlich Jesu Ansprache und Zuspruch zu verdanken, dass es endlich Hoffnung für ihn gibt, das Leben in der 2. Reihe ohne wirkliche Chancen auf Heilung und Veränderung ein Ende hat. Das Leid ist ihm, weiß Gott, nicht erspart geblieben. Er mußte schon viel zu lange da durch, er brauchte Kraft und immer wieder neuen Antrieb, dieses schwere Los anzunehmen und zu durchstehen. Er weiß, wovon er spricht, wenn er Jesus antwortet: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt.“
Ich habe niemanden, sagen viele Menschen auch heute in unseren Tagen. Wir haben in den letzten Tagen lesen können, dass die Anzahl der Single-Haushalte kontinuierlich gestiegen ist und noch immer weiter steigen wird. Auch alte Menschen sprechen oft tagelang nicht ein Wort mit einem Mitmenschen, wenn sie ihre Wohnung nicht mehr alleine verlassen können. Der Fernseher wird ihnen keine Antworten auf ihre Fragen geben können. Und zum Telefonieren muß man erst mal eine Nummer wählen von jemandem, der bereit ist, sich Zeit für das Gespräch zu nehmen.
Nun aber kommt das Unfassbare, das Besondere, das Überwältigende: Jesus spricht zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin.“ Die unspektakuläre Heilung hat ihre Erfüllung gefunden. Einfach so. Keine Beschwörung, kein Mirakel, kein Speichel, keine Zeichenhandlung, kein Versprechen ist nötig, um diesen Menschen von seinem Leiden zu erlösen. Jesus spricht ihn frei von seiner Behinderung, seiner Krankheit. Sein gutes Wort ist heilsam. Später dann trifft er den Geheilten in einem Tempel wieder, der vor Freude und Glück seinem Gott die Ehre erweisen will. Dort allerdings fordert Jesus ein Versprechen von ihm ein, indem er sagt: „Siehe, du bist gesund geworden, sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Will heißen: Hoffentlich schaffst du es nun, die Welt und das eigene Leben nicht weiter zu verfehlen.
Jesus will damit sagen: Gott wirkt in dieser Welt, er hat es immer getan und wird es auch weiter tun. Gott beschützt, behütet, bewahrt, auch wenn wir das Leid nicht übergehen oder ignorieren können. Gott erleidet mit uns gemeinsam unser Päckchen, was wir zu tragen haben. Die Krankheit, die nicht mehr weggehen will, der Kontakt zu den Kindern, der immer dürftiger und schwächer wird, der Lebensabend, der uns doch mehr Beschwer als Erleichterung beschert, der Partner, der uns viel zu früh verlassen hat, weil Gott ihn zu sich holte oder seine Gefühle nicht mehr uns gelten, der Freundeskreis, der sich immer weiter ausdünnt, die Liebe zum Leben, die auch das Leiden am Leben mit hineinnimmt. All das nimmt Jesus ernst und wahr, will Jesus nicht übergehen oder verdrängen. Denn er sieht die Kinder Gottes in ihrem Leid verhaftet, die Probleme, die scheinbar unlösbar sind, weil Zeit und Kraft schwinden, sie zu lösen. Bis dahin aber trägt uns die Liebe zueinander, zum Leben, zum Sein, zum Schöpfer, ebenso die Pflicht und der Anstand unsere Sache gut zu Ende zu führen und schließlich die Dankbarkeit, wieviel Jahre der Begegnung und der Geborgenheit Gott uns doch letztlich hier auf Erden geschenkt hat und uns durch das Leben getragen hat.
Denn so empfindet nicht nur der 38-jährige am Betesda-Teich: Wir alle sind neun Monate getragen im Leib unserer Mutter, dann hoffen wir darauf ein Leben lang, einmal das lebendige Wasser zu spüren, dorthin durch die Sehnsucht getragen zu werden, die Liebe zum Leben zu erfahren in der Liebe zu einem Menschen, der unser Herz berührt. Schließlich werden wir eines Tages im Kreise unserer Lieben zu Grabe getragen werden.
Liebe Gemeinde, ich möchte abschließend den Blick noch einmal speziell auf uns heute morgen werfen. Wir, die wir hier sitzen, das Leben vor Augen oder schon das meiste hinter uns haben. Was dürfen wir hoffen, so fragt der Text uns alle. Was müssen wir tun, was dürfen wir lassen, werden wir gefragt und angesprochen, oder müssen wir uns regen und bewegen, damit noch etwas geschieht? Und dabei ahnen wir: Bewegung heißt auch Gefährdung. Sich einbringen und engagieren, sich bewegen birgt auch die Gefahr, sich zu verlieren, zu verletzen, zu vergeben.
Wenn unser Sohn zwei, drei Dinge hintereinander verkehrt macht, etwas umstößt, etwas vergessen oder verloren hat, etwas Falsches gesagt oder getan hat bleibt er schon mal mittem im Raun stehen mit den Worten: „Ich mach jetzt am besten gar nichts mehr, dann mach ich auch nichts mehr falsch.“ Dabei wissen wir, wo gehobelt wird, da fallen auch Späne, wer arbeitet, der macht auch Fehler, wer lebt, der muß auch Leid aushalten, Freundschaften verabschieden, Beziehungen beerdigen, Krankheiten hinnehmen, den Tod nicht scheuen.
Nichts und niemand wird uns all das abnehmen können und wollen, auch Jesus nicht. Hat er dem Geheilten doch im Tempel noch die Warnung aussprechen müssen, er möge aufpassen, dass ihm hinfort nicht noch Schlimmeres passiere, wozu die Möglichkeit zumindest immer bestehen bleibt.
Die Hoffnung auf paradiesische Zustände hier auf Erden bleibt also zunächst Hoffnung, dafür hat uns das Leben bisher anderes gelehrt. Doch dürfen wir auf zärtlich und behutsame Begleitung und Fürsorge hoffen, auf jemanden, der mitgeht, mithofft, mitlebt, jemanden, der bleibt. Es ist unser Gott, der in seinem Sohn Jesus Christus zu seinen Menschenkindern kommt, wenn sie daliegen und sich selbst nicht helfen können. Er verspricht uns das frische Wasser. Er wird uns dahin führen.
Und die Liebe Gottes, die höher ist als all unser Denken und Fühlen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. AMEN