Predigt

Copyright Kantorei Barmen-Gemarke e.V
12. März 2006
Sonntag Reminiszere
Kirchenpräsident Prof. Peter Steinacker, Darmstadt

Predigt über Jesaja 5, 1-7

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.


Dieser Text ist in seiner Härte und in seiner eisigen Konsequenz ein verführerisches Wort der Heiligen Schrift. Denn in ihm klingen vertraute und belastende Erfahrungen von uns allen in unseren Ohren, ja vielleicht sind es sogar Grunderfahrungen nicht nur eines reifen sondern auch eines jungen Lebens. Es spiegeln sich in ihm Verhaltensweisen und Erfahrungen, die wir selber als Kinder schon erlebt und gefürchtet haben, und die wir, so vermute ich, unseren eigenen Kindern, unseren Freunden, Arbeitskollegen, ja auch gerade den Menschen, die wir lieben, nicht ersparen, nämlich die Strafe durch Liebesentzug.

Liebesentzug und Schweigen, Abbruch der Kommunikation, die unsere Daseinssicherheit und unser Selbstwertgefühl doch eigentlich ausmachen. Davon redet auch dieser Text. Eisige Abwendung, Preisgabe an das zerstörerische Chaos des Lebens, das kennen wir eigentlich alle, selbst wenn wir es nicht so konsequent machen wie manche Familien noch heute, die ihre Kinder, Jungen und Mädchen, gnadenlos fallen lassen, wenn sie den Wünschen der Eltern nicht entsprechen, wie manche ehemals Liebende, die einander erbarmungslos bekriegen, nachdem ihre Liebe durch irgendwelche Gründe gestorben ist. Selbst wenn wir nur kurzfristig unsere Liebe entziehen, das Modell dieser schwarzen Pädagogik ist uns allen sicher vertraut, seine Logik sitzt tief in unserer Seele. Leistung muss sich lohnen!

Aber auch die anderen Erfahrungen, die dem Liebesentzug vorausgehen, kennen wir alle, nämlich die Erfahrungen von Vergeblichkeit und vom Umsonst unserer Mühe, von Anstrengungen ohne Erfolg. Im Beruf, in den Beziehungen der Liebe, in der Erziehung unserer Kinder, in der Arbeit in und an der Kirche, in Gesellschaft und Politik – alles umsonst, alles vergeblich. Lebensträume scheitern und lassen uns dann verbittert zurück. Ein Sohn, eine Tochter bricht ihre Ausbildung ab, Kinder finden sich im Leben nicht zurecht, obwohl wir alles für sie getan haben, der Freude der gerade erwachten Liebe folgt ihr schneller Tod. Trotz allem, was man investiert hat, implodieren Freundschaften, und der Vorrat an Vertrauen reicht nicht. Alles, was wir an Liebeskraft, an Zeit, auch an Geld und Energie investiert haben – es war umsonst.

Ein verführerischer Text ist dieser Abschnitt, das sogenannte „Weinberglied“, weil dieser Text es wagt, die Schmerzen des Umsonst auf Gott zu beziehen. Nicht nur wir kennen das Umsonst, nicht nur wir strafen mit dem Entzug unserer Liebe und der Preisgabe des Menschen, der unsere Zuwendung ausschlug, nicht nur wir pochen darauf, dass Leistung sich lohnen muss, sondern Gott selber tut es. Hat Gott diese Form des strafenden Rückzuges, diese Logik selber seiner Schöpfung eingegeben, so dass es nicht nur ein menschliches Verhalten ist, sondern sogar ein schöpfungsgemäßes Grundgesetz des Lebens? Dann wäre es von Gott sogar so gewollt, dass, wer ihm nicht folgt, sich selber überlassen bleibt und dass Gott ihn schutzlos den Folgen seines Tuns und seiner Schuld preisgibt?

Verführerisch in noch einmal sich steigerndem Sinn ist dieser Text, wenn wir ihn auf Gott beziehen, wo er eigentlich auch hingehört, weil er sich anbietet, die Schwierigkeiten unserer Kirche, den immensen Traditionsabbruch, unser dramatisches Kleinerwerden zu verstehen. Steckt hier in den Worten des Propheten Jesaja in seinem Lied vom enttäuschten Bräutigam der Schlüssel zur Antwort auf unsere auch von uns in der Kirche Leitenden gestellten Fragen:

  • Warum muss gerade unsere Generation so stark abbauen, einschränken, zurücknehmen, auflösen, umstrukturieren?
  • Was haben wir falsch gemacht?
  • Sind wir vielleicht nicht glaubwürdig genug, leiten wir unsere Kirche falsch?
  • Sind wir in den Leitungen der Kirche vom Kirchenpräsidenten bis zum Presbyterium nicht glaubwürdige Zeugen des Evangeliums? Trifft uns daher Gottes reagierender Zorn?
  • Hat Gott uns preisgegeben und pflegt er seine Kirche nicht mehr? Thies Gundlach hat darüber eine tiefsinnige Predigtstudie geschrieben.

Ich gestehe, dass ich mich von diesem Text, den ich kenne und liebe, seit ich ihn im Theologiestudium in der Jesaja-Vorlesung gehört habe, oft verführen ließ. Ich habe in Situationen meines Lebens, in denen mich die Reue über Schuld, Fehlverhalten und Angst vor Folgen und Liebesentzug sowieso schon niederdrückte, diesen Eiseshauch als verdiente Reaktion Gottes geglaubt. Nicht nur meine Schuld, auch der Rückzug meines Gottes, dessen liebevolles, mich stets tragendes Erbarmen mir dann auch noch entschwand, das drohte mir dann den Boden unter den Füßen völlig wegzuziehen. Ich nahm meine Verzweiflung über mich und mein Fehlverhalten, über meine Kirche, mein Umsonst aller Mühe als logische Folge der strafenden Abwendung Gottes, der meinen Hochmut dämpft und meine Sorglosigkeit einfach nicht hinnimmt.

Aber gerade deshalb will ich den Text anders verstehen. Es bleibt dabei: Dieser Text, dieses Wort der Heiligen Schrift zeigt uns einen anderen Gott als den sogenannten „lieben“. Hier redet kein gefühlloser, unwandelbarer, unberührbarer Gott, keiner, der unser Harmoniebedürfnis kosmisch befriedigt und die Projektion unserer Wünsche in die Allmacht Gottes darstellt. Der Gott dieses Weinbergliedes kennt Angst, Sorge, Verletzung, Wut und Enttäuschung, denn er ist einer, der Antwort haben will, der unser Schweigen, unseren Lebensunsinn nicht erträgt. Ein Gott, dessen Liebe enttäuscht wird und der darauf reagiert.

Denn in diesem Lied geht es eigentlich nur um die Liebe. Auch die zornige Reaktion Gottes ist eingerahmt in die Liebe. Jesaja singt ein Liebeslied. Es singt vom Schmerz der Liebe, vom Schmerz der Liebe Gottes. Vielleicht ist es uns aus anderer Perspektive so vertraut, weil ja der Schmerz, die dunkle Seite der Liebe und ihrer Rätselhaftigkeit, auch zu ihrer unser Leben so steigernden und uns so glücklich machenden Seite gehört.

Dieses Wort der Heiligen Schrift ist ein Liebeslied, sogar mit eindeutig erotischem Unterton. Der Prophet hat dieses Lied vermutlich bei einem ausgelassenen Fest, dem Laubhüttenfest, dem Fest des Erntedanks und der Erinnerung an Gottes erwählende Zuwendung gesungen. Der Weinberg, das ist ein allen Zuhörern vertrautes Bild für die Braut. An vielen Stellen der Bibel, besonders im Hohen Lied, ist der Vergleich des Weinbergs mit einer Braut, mit einer geliebten Frau überhaupt, gewählt, und wenn einer in dieser Weise von seinem Weinberg singt, geht es um ein erotisches Verhältnis. Gott hat ein auch erotisch beschreibbares Verhältnis zu uns. Und so wie einem enttäuschten Bräutigam mit seiner treulosen und seiner Liebe nicht würdigen Braut geht es Gott mit uns. Das ist die Bildhälfte dieses Liedes. Es singt von Gottes enttäuschter Liebe zu uns, aus der sein Zorn resultiert. Dennoch: Es geht trotz aller Analogie zu unserer Liebe um die Liebe Gottes. Und von Gott verkündet uns ein anderer Prophet die entscheidende Grenze der Analogie unserer Liebe zur Liebe Gottes: „Ich bin Gott und kein Mann!“, heißt es beim Propheten Hosea (Hosea 11, 9), das heißt, auch wenn seine Liebe nicht erwidert wird, handelt Gott gegen seinen Rechtsanspruch und – so bei Hosea – holt sein Volk nach Hause, weil er „kein Vertilger“ ist. Diese völlig undefinierte Wendung im Verhalten Gottes zu Israel wird in Gottes ewigem Gottsein gesehen, das sich in dieser Wendung des Zorns ausdrückt. Und so führt trotz allem auch in diesem Lied der Schmerz Gottes über seine enttäuschte Liebe nicht zu Hass und Vergeltung. Anders herum möchte ich es sehen: Wie nahe kommt uns Gott, der Liebhaber des Lebens, dass er sich in seiner Allmacht zu dem Eingeständnis bereit findet: Auch ich kann hier nichts mehr tun. Selbst in seiner Enttäuschung bleibt er uns nahe.

Und so gibt es Phasen in unserem Leben, in denen wir vom Leben und von uns selber enttäuscht, uns selber überlassen sind, ganz auf uns selbst zurückgeworfen, wo wir nur noch uns selber haben. Dann warten wir vergeblich darauf, angesprochen zu werden, angesehen, berührt, herausgeholt zu werden aus unserer Menschen-, Welt- und Gottverschlossenheit. In hilf- und schutzloser Einsamkeit hören wir kein Wort und finden keinen Blick. Wüste, Dornen und Disteln, auch das gehört zu unserem Leben, auch zu unseren Glaubenserfahrungen als Gotteserfahrungen. Zur Liebe und zum Glauben, das lehrt uns das Weinberglied, gehört auch die Passion.

Und hier möchte ich den eigentlichen Schlüssel zum Lied von Gott, dem enttäuschten Liebhaber seiner Braut finden. Gott selber ist in das Gelingen seiner Liebe unendlich und unwiderruflich verliebt. Darum geht er trotz Rechtsanspruchs und Enttäuschung seine große Passion – uns zum Heil.

So dienen sein Zorn, seine Unterlassung von Zuwendung, seine Emotionen letztlich auch wieder nur dazu, den Bann der bitteren Erfolglosigkeit zu brechen. Gott, der uns von dem ans Kreuz gehenden Jesus als die unsterbliche Liebe selber ins Herz gesenkt wurde, Gott geht selber unseren Passionsweg der Liebe, deren „Umsonst“ nicht endgültig ist, weil es für Gottes Gnade und Erbarmen kein Zu-spät und kein Aus und Vorbei gibt. Jesus zeigt uns, dass Gottes Liebe ins Gelingen verliebt ist, dass er selber sich ins Leid der Welt begibt, damit der Schatten des Umsonst und des vernichtenden Zorns, die Dornen und die Wüste unseres kleinen Lebens und des ungeheuren Leides der Welt nicht das letzte Wort haben.

Das Lied vom Schmerz und der Liebe Gottes wird weiter gesungen, auch in der Heiligen Schrift. Dort gibt es dann das Lied vom lieblichen Weinberg, den Gott Tag und Nacht behütet (Jesaja 27, 2-5). Und es gibt in der Parabel von den Arbeitern im Weinberg das Lied vom  überraschend großzügigen und seine Liebe völlig unverdient und nicht berechnend austeilenden Gott (Matthäus 20, 1-15). Gott bleibt auch in seinem Zorn der uns zugewandte und dann auch seinen berechtigten Zorn dämpfende, ja überliebende Gott, der gute Hirte unseres nicht einfachen Lebens in einer immer rätselhafteren Welt.

Niemand hat das welt- und lebenserfahrener beschreiben können als Martin Luther. Seine Worte weisen den Weg aus dem Umsonst und der Angst zur dankbaren Freude an Gottes hilfreicher Nähe, und damit möchte ich schließen.

Luther sagt in Auslegung des Wortes aus dem Johannes-Evangelium vom guten Hirten Jesus: „Wenn du diesen Hirten kennst, so kannst du wider Teufel und Tod dich schützen und sagen: Ich habe ja leider Gottes Gebote nicht gehalten; aber ich krieche dieser lieben Henne, meinem lieben Herrn Christo, unter ihre Flügel und glaube, dass er ist mein lieber Hirte, Bischof und Mittler vor Gott, der mich deckt und schützt mit seiner Unschuld und schenkt mir seine Gerechtigkeit; denn was ich nicht gehalten habe, das hat er gehalten, ja, was ich gesündigt habe, das hat er mit seinem Blute bezahlt. Sintemal er ist nicht für sich, sondern für mich gestorben und auferstanden, wie er denn hier spricht: Er lasse sein Leben nicht für sich, sondern für die Schafe. Also bist du denn sicher, und muss dich der Teufel mit seiner Hölle zufrieden lassen; denn er wird freilich Christo nichts anhaben können, der ihn schon überwunden und dich, so du an ihn glaubst, schützt und erhält.“

Darauf lasst uns trauen!


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