Predigt

Copyright Kantorei Barmen-Gemarke e.V
14. Januar 2007
2.Sonntag nach Epiphanias
Pfarrer Friedrich Selter, Wuppertal-Elberfeld

Predigt über das Evangelium des Markus 2, 18-22

Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage. Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab, und der Riss wird ärger. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.


Liebe Gemeinde!

Viele von Ihnen sind voller freudiger Erwartungen hierher gekommen. Lange haben wir uns schon auf diesen Gottesdienst gefreut: Auf die Erbauung durch die Musik, auf die besondere Atmosphäre der Gottesdienste in dieser Kirche, auf die Einkehr in den Gebeten und die Auslegung des Wortes Gottes. Dieser Gottesdienst, er ist ein Fest für uns, eine Feier, auf die wir uns gefreut haben und die wir genießen.

Und Jesus spricht unserer Freude das Wort. Seine Gegenwart, die er zusagt, wo auch nur zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, soll eine Zeit der Freude und des Feierns sein. Ja, mit einem Hochzeitsfest vergleicht er seine Gegenwart. Und alle, die das damals hörten, hatten ein ausgelassenes Fest vor Augen, wo sich die Tische von köstlichen Speisen bogen und Krüge voll Wein geleert wurden. Ein Fest, wo man ausgelassen sein konnte, wo gescherzt und gelacht wurde. Wo ein Überfluss an Freude und Lebenslust alle Sorgen und Fragen ertränken konnte.

So sollen auch wir die Gegenwart Gottes feiern. Gottesdienst darf und soll ein Ort sein, an dem wir schon mitten in unserer Zeit feiern, was uns verheißen ist: „Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“ Das, was uns belastet und unsere Freude niederdrückt, das darf im Gottesdienst nicht die erste Stimme singen: Nicht unsere Glaubenszweifel, denn in den Liedern und in der Musik darf anderes schon erklingen, als was unser eigener Glaube zu fassen vermag; und auch nicht unsere Sorgen, denn Glaube, Hoffnung und Liebe will Gott neu in uns wecken, damit wir mit dieser Kraft unsere Zeit bestehen. Solch eine Quelle der tiefen Freude und Zuversicht ist uns mit dem Sonntag gestiftet. Geheiligt soll dieser Tag sein.

Es ist aber nicht alle Tage Sonntag. Sondern wie eine Insel ist der Sonntag inmitten von Tagen, in denen andere Stimmen zu hören sind, die uns fordern, die Anspruch auf unser Leben erheben. Es ist die hartnäckige Forderung nach ständiger Vitalität und Aktivität, nach unendlichem Genuss und kräftezehrender Leistung, nach grenzenloser Mobilität und immer und immer mehr von allem. An diesem Dogma scheidet sich unsere Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Zugleich erscheint diesen Forderungen ein allgemeiner Feiertag als Last und Fessel, welche die Menschen an ihrer freien Entfaltung hindert. Doch auf dem Altar dieses Lebensstils opfern wir unsere Lebenskraft und unsere Menschlichkeit. Gott enthalten wir vor, was Gottes ist, und ebenso den Menschen, was der Menschen ist. Wir verbrauchen viel mehr, als wir brauchen. Und darum missbrauchen wir, was uns zum Leben nur geschenkt ist. Wir leben über unser Maß und unsere Verhältnisse.

Ein „Weniger-Werden“ ist längst unüberhörbar die Antwort der Natur auf unser „Immer-Mehr-Wollen“: Arten sterben aus, Rohstoffe werden knapp und die Ordnung von Sommer und Winter, wir spüren es, sie löst sich spürbar und Unheil verkündend auf. Und nicht etwa glücklicher werden die Menschen, sondern allzu oft unzufrieden und krank. Sollte da nicht einer kommen und Einhalt gebieten? Sollte da nicht ein allgemeines Fasten ausgerufen werden, damit alle endlich wieder Atem schöpfen und zur Besinnung kommen können?

Jesus verhält sich durchaus kritisch gegenüber den Fastenvorschriften seiner Zeit. Für andere jüdische Gruppen gehört das Fasten ganz fest und selbstverständlich zu ihrem religiösen Leben dazu. Aber ausgerechnet die Jünger Jesu fasten nicht. Und das wirkt provozierend und verunsichernd. Darum fragen die Leute ihn: „Warum fasten deine Jünger nicht, wo doch die Jünger Johannes des Täufers fasten und die Jünger der Pharisäer ebenso.“ Um zu verstehen, worum es Jesus geht, wenn er seine Jünger von den Fasten-Konventionen ausdrücklich entbindet, so müssen wir zunächst verstehen, von welchen inhaltlichen Bestimmungen er sich damit abgrenzt. Was war also das Motiv des Johannes und der Pharisäer für ihr Fasten?

Es waren zwei unterschiedliche Gründe. Die Jünger des Johannes praktizierten das Fasten als ein Werk der Buße und inneren Reinigung. Wir haben sie hier wie Johannes den Täufer vor uns, gekleidet in raue Kamelhaarmantel, sich ernährend von dem, was die Wüste hergibt: Heuschrecken und wildem Honig. Mit diesem asketischen Lebensstil, mit dieser Bußpraxis wollten sie sich vorbereiten auf die Ankunft des Messias. Die Pharisäer dagegen haben aus Trauer gefastet: In Trauer der Zerstörung des Tempels gedenkend, der Verbrennung der Thora, und der Entheiligung des göttlichen Namens.

Beide Fastentraditionen haben jedoch mit der Gegenwart Jesu Christi ihre Berechtigung verloren. Sie erweisen sich als Konventionen, die das Eigentliche verdecken und zu ersticken drohen. Wie alte, längst hart gewordene Weinschläuche, die den neuen, noch gärenden Wein nicht zu halten vermögen, sondern gesprengt werden müssen. Wie alte Kleider, die aufreißen, weil ein neuer, fester Stoff auf sie genäht wurde.

Und darum ist die Verweigerung des Fastens Jesu zugleich seine Selbst-Offenbarung gegenüber den Menschen seiner Zeit, die das Eigentliche wieder neu zutage fördert: Johannes der Täufer und seine Jünger übersehen, dass der, auf den sie warten, jetzt da ist. Ans büßende Warten schon zu sehr gewöhnt, erkennen sie die Zeichen nicht: Wo doch in der Gegenwart Christi Blinde sehen, Lahme gehen, Gebundene frei werden und den Armen das Evangelium verkündigt wird. Die Zeit Christi ist Heilszeit, Zeit der Erfüllung und nicht des Fastens.

Auch den Pharisäern, und ihnen noch viel energischer, stellt sich Jesus mit seiner ganzen Person gegenüber: Schon immer war der Tempel für Gott ein Kompromiss. Denn nicht aussperren lassen wollte er sich aus dem Alltag der Menschen, sondern Mitsein auf dem Weg ihrer Mühen und Freuden. Darum ist die Gegenwart Christi mehr als der Tempel zu Jerusalem, um den die Pharisäer fasten, er ist Gegenwart Gottes für alle und an allen Orten: „Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen“, wird Christus sagen, „und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist.“ Wo immer Menschen sich in Christi Namen versammeln, da ist mehr als der Tempel, da ist er selber mitten unter ihnen, und sei es in der kleinsten Hütte oder gar am elendsten Ort.

Doch viel schwerer noch wiegt Jesu Vorwurf, den er an anderer Stelle auf den Punkt bringt und der auch an dieser Stelle mitschwingt: Ihr Fasten ist nur äußeres Tun. Stellvertretend auch für die anderen Kultusgebote ist es die reine Aufrechterhaltung äußerer Konventionen. Es ist wie ein ungedeckter Scheck, dem keine Konsequenzen für den eigenen Lebensstil im Gehorsam gegenüber Gott gegenüberstehen. Als drastisches Beispiel hierfür nennt Jesus an anderer Stelle den Priester, der auf dem Weg von Jericho zum Jerusalemer Tempel am schwer verletzten Verbrechensopfer vorbeigeht, weil er sich im Gehorsam gegen die Kultusgebote nicht mit Blut verunreinigen will. Dieser Art fundamentalistischer Buchstabentreue hält Jesus das Doppelgebot der Liebe entgegen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ In diesen beiden Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten.

Liebe Gemeinde! Wir verstehen nun, warum die Jünger Jesu nicht fasten wie Johannes und die Pharisäer: In der Gegenwart Christi kann nicht gefastet werden, sondern da sucht die Freude ihre Formen im Fest. So feiern wir den Sonntag in Erinnerung an den Ostertag. Denn Christus ist auferstanden und hat unsere Schuld zurückgelassen in seinem Grab. Befreit sind wir also davon, unserem Heil in ewiger Unrast nachzujagen und doch nur Unheil zu erwirken.

Doch es ist nicht alle Tage Sonntag. Und der Alltag stellt an uns seine eigenen Forderungen. Oder sind wir auch davon befreit, den Forderungen des Alltags uns zu beugen? Ja, ist es nicht vielmehr so, dass wir den Zuspruch des Sonntags zugleich auch als Anspruch hören, ihm auch im Alltag zu entsprechen und also die Gegenwart Christi machtvoll und befreiend den Forderungen des Alltags gegenüberzustellen?

Hier könnte das Fasten dann auf eine ganz eigene Art einen neuen Ort bekommen. Weniger im Sinne eines kultischen Gebotes als vielmehr im Sinne eines religiös-sozialen Lebensstils in der Nachfolge Christi. So bin ich ganz sicher, dass Jesus bei seiner Auseinandersetzung mit den Pharisäern die schon alttestamentlich verbriefte Kritik am Fasten weiterführt, die sich bei Jesaja findet: „Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten.“

Für nachdenkenswert halte ich es, Formen des Fastens im weiteren Sinne als Bremse in der Turbine des „Immer mehr“ zu sehen. In einer Predigt eines Kollegen zu unserem Text aus den siebziger Jahren las ich die Idee, an einem Tag in der Woche wenigstens teilweise zu fasten, und das an Lebensmitteln, die man sonst gedankenlos konsumiert, gesparte Geld für Hungernde zu spenden. Zu bedenken wäre heute auch, regelmäßig ein „Energie­fasten“ zu üben, auf manche Autofahrten oder auch mal einen Grad Raumtemperatur zu verzichten und statt Geld in überflüssigen Luxus zu investieren, es lieber für sparsamere Geräte auszugeben. Ein anderes Beispiel, das ich gerade, weil es zunächst etwas bizarr scheint, doch für anregend halte, hörte ich von den Umweltbeauftragten, die extra für den Evangelischen Kirchentag eingestellt sind. Erstmalig versuchen diese, für den Kirchentag ein Ökozertifikat anerkannt zu bekommen. Für Firmen gibt es solche Zertifikate, die eine ökologische Verträglichkeit sämtlicher Produktionsschritte bescheinigen, jedoch nicht für Großveranstaltungen. Hier soll der Kirchentag eine Vorreiterrolle spielen. Kopfzerbrechen bereiten den Umweltbeauftragten unter anderem noch die unvermeidbaren Flugreisen von Referenten aus Übersee. Denn den unverhältnismäßig hohen CO2-Ausstoß der Flugzeuge können die Veranstalter nicht verhindern. Darum wollen sie einen Ausgleich schaffen, indem sie die Kosten dieses CO2-Ausstoßes freiwillig denen zugute kommen lassen, die für die Folgen unseres Lebensstils am ersten bezahlen müssen: Den Armen, in der dritten Welt, die zudem kaum Zugang zu Energieträgern haben. Ihnen sollen mit einer Ausgleichzahlung z.B. Solarherde finanziert werden.

Liebe Gemeinde! Fasten kann Verzicht bedeuten, der anderen zugute kommt. Fasten kann auch ein Weg zur inneren Einkehr sein, ein Weg zugleich zu Gott. Fasten kann eine Bremse im Strudel unserer Zeit sein. Aber mit all diesen Formen des Fastens müssen wir das Heil dieser Erde nicht erringen. Auch keinen neuen religiösen Zwängen brauchen wir uns zu beugen. Denn Christus, das Heil dieser Erde und unseres Lebens, er lebt und hat das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht. Heute dürfen wir aufatmen und feiern und morgen in der Freiheit seines Namens die nötigen Schritte tun.

Amen.


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