der Advent ist eine gute Zeit, von Hoffnung und Visionen zu erzählen und schöne Bilder von einer besseren Welt zu entwerfen. Denn viele Menschen spüren besonders in der Adventszeit ihre Sehnsucht nach Gottes Heil und nach Frieden.
Und wie zu keiner anderen Zeit werden Erinnerungen an früher wach, an die eigene Kindheit, an das, was schön und gut war zu Hause, und so halten sich im Advent und zu Weihnachten besonders hartnäckig Traditionen, die an die gute alte Zeit erinnern: Da wird nach alten Rezepten gebacken und gekocht, da werden alte Gedichte und Geschichten hervorgeholt,
und nicht selten ist der adventliche und weihnachtliche Schmuck alt und noch von früher.
Viele Menschen wünschen sich, nach Hause zu kommen. Zuhause: Das ist im ursprünglichen Sinn der Ort, an dem es einem gut geht, an dem man seinen Platz hat, an dem man Zuwendung und Liebe erfährt, einfach rundherum der Ort, wo es gut und friedlich ist und an dem man so sein kann, wie man ist.
Dass in dieser Zeit die Zimmer und Wohnungen besonders geschmückt sind, zeigt, dass wir in Vorfreude, einer Ahnung von einer anderen besseren Welt sind. Der Advent wird von vielen als die schönste Zeit im Jahr erlebt, und besonders jetzt empfinden es Menschen als besonders bitter, wenn sie nicht zuhause sein können, sei es, dass sie im Krankenhaus oder im Gefängnis sind oder dass sie beruflich unterwegs sind. Auch fallen uns gerade jetzt Missstände besonders auf: der ruppige Umgangston, die Schere zwischen arm und reich, Krankheiten, Gewalt an Schulen und in Gefängnissen. Die Menschen sehnen sich nach Heilsein, nach Ausruhen und Ankommen. Wir wünschen uns, aus der Adventszeit heraus ermutigt leben und handeln zu können. Doch - das ist das Paradoxe - gerät gerade diese Zeit zu hektischen, unruhigen, stressigen Wochen; viele setzen sich enorm unter Druck und spüren, wie erschöpft und müde sie sind.
Liebe Schwestern und Brüder, die Bibel ist ein Buch, in dem die Erfahrung von Erschöpfung, vom Müdesein ihren festen Platz hat. Die biblischen Geschichten erzählen vom „Sich-verlassen-fühlen“ und vom „Nicht-mehr-weiter- können“. Dabei ist die Bibel aber kein oberflächlicher Ratgeber, der einem „In fünf Minuten zum Glück“ verspricht. Nein, in der Bibel finden sich tiefgehende und hintergründige Worte, die den Müden und die Verzagten ernst nehmen. Die Worte der Bibel bringen keine oberflächlichen Vertröstungen, sondern aus ihnen spricht immer jemand zu uns, der sehr gut weiß, wie sich Müdigkeit und Wanken und Verzagtheit anfühlen.
Liebe Gemeinde, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext, das alte Lied der Hoffnung auf Gottes Kommen in die Welt, das weiter gesungen und überliefert worden ist bis zu uns heute am 2. Advent, dem 10. Dezember 2006, dem Tag der Menschenrechte.
Was für ein überwältigender Text! Überschäumende Bilder von Leben und Heil! Worte voller Trost und Lebensperspektive! Sätze gegen die Resignation und die Verzweiflung! Wir haben sie sehr nötig, wenn wir bittere und schwere Erfahrungen in unserem Leben machen müssen. Wir haben sie bitter nötig in einer Welt, in der die Menschenrechte nach wie vor mit Füßen getreten werden, auf der immer noch kein Frieden herrscht und in der ökologische Katastrophen auf der Tagesordnung stehen.
Liebe Gemeinde, wir erfahren in diesem Text von „handfesten Enttäuschungen“ (Zitat aus : Volker Drehsen: “Rechtfertigungsgeschichten - Protestantisch predigen“, Gütersloh 2002), die den Menschen in seiner Lebensentfaltung behindern: Krankheit und Blindheit, Stummheit und Lähmung; sie stehen für die Begrenzungen des menschlichen Lebens.
Der Prophet Jesaja sieht, dass sein Volk trostbedürftig ist, nicht nur körperlich, sondern auch geistig und geistlich wie wir. Das Volk muss über Enttäuschungen hinwegkommen, es braucht neue Lebensperspektiven. Trost und Stärkung und Mut zum Leben benötigt das Volk Israel.
Da geschieht das Großartige: Durch Gottes Wort, das Gott dem Propheten in den Mund legt, holt der „den Trostbedürftigen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurück und stimmt ihn erneut auf die offenen Möglichkeiten der Zukunft ein“ (Zitat Drehsen).
Liebe Gemeinde, sehen wir einmal genauer hin: „Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“ Die müden Hände sind wörtlich die „sinkenden“ Hände, die wankenden Knie die „strauchelnden“, wir alle kennen solche Zustände: Erschöpfung, Krankheit, zuviele oder auch zuwenig Medikamente, zuviel Arbeit, hohe Erwartungen und noch mehr Ansprüche, keine Freundschaften, mangelnde Liebe, kein Gegenüber, kein Zuhause.
Menschen sind am Ende ihrer Kraft angelangt. In dem Augenblick, in dem sie zusammenzubrechen drohen, soll stärkend und ermutigend eingegriffen werden: „Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht!“ Verzagt sein, davon wissen wir! Gerade in der Adventszeit, in der wir umherhetzen und uns auf der Suche nach Geschenken und nach mehr Behaglichkeit verlieren. Wir spüren, eigentlich suchen wir nach etwas anderem, etwas Tieferem. Wir wünschen uns versöhnte Beziehungen, wir sehnen uns nach einem friedlichen Zuhause, nach Miteinander, reden können, nach Heilsein im umfassenden Sinn. Wir erhoffen uns, dass die Erschütterungen des Lebens ausbleiben.
Verzagt ist auch der eilige vorweihnachtliche Mensch. Jetzt sollte jemand kommen und die Verzagten darauf hinweisen, dass sie wieder Mut fassen können und sich nicht zu fürchten brauchen. Denn Gott ist nahe und wird hilfreich eingreifen. „Seht, da ist euer Gott! Gott kommt und wird euch helfen!“ Doch, wie ist Gott da beschrieben? Wir stutzen: „Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen!“ Das Wort „Rache“ und „vergelten“ befremden in diesem Zusammenhang. Doch das Wort Rache hat in diesem Gefüge seinen blutrünstigen Charakter verloren. Die Rache dient hier als reines Motiv des Trostes, es ist nur positiv gemeint und meint die „Wiederherstellung des verletzten Rechts (Zitat aus: Helgalinde Staudigel in: Evangelische Predigtmeditationen 1976/77 Band II, Berlin 1977). Auch das Wort „vergelten“ hat im hebräischen nicht den überwiegend negativen Klang wie im Deutschen. Es meint vollenden, es bedeutet sogar Wohltat. Den Ursprung des Heils sieht Jesaja also nicht im Unglück der feindlichen Völker, sondern im Kommen Gottes.
„Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“ Der Prophet Jesaja ruft es aus: Zweimal heißt es „dann“ (Vers wiederholen). Es erinnert mich daran, wie sich die Worte bei Kindern überstürzen, wenn sie aufgeregt und völlig überwältigt sind, und wie sie vor lauter Begeisterung gar nicht so schnell sprechen können, wie es ihrem Entzücken und ihrem Enthusiasmus entspricht. Auch die Schilderung dessen, was es zu beschreiben gilt, gerät dann voller Überschwang, fast wie eine Übertreibung: Denn die Lahmen werden nicht nur gehen können - das wäre ja schon unendlich viel - und die Stummen könnten ja nicht nur stammeln oder reden, nein: „Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“
Liebe Gemeinde,
Jesus Christus, der diese Worte des Propheten Jesaja kennt, greift später auf diese zurück! Als er im Auftrag Johannes des Täufers gefragt wird, ob er es denn sei, der als Messias kommen soll, lässt er dem Johannes antworten: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ (Matthäus 11,4ff) Jesus will sich nicht mit Krankheit und Gebrechlichkeit abfinden, möchte uns Menschen von Behinderung und Schwermut befreien. Die in Jesaja 35 angekündigte Heilszeit ist in ihm gegenwärtig. Diese Heilszeit zieht sich in der Tradition der alttestamentlichen Prophetie wie ein roter Faden durch das Neue Testament. So auch im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, in dem beschrieben ist, dass Gott alles Schwere von uns nehmen wird: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,4) Von diesem Bild in Anknüpfung an Jesaja erzähle ich, wenn ich am Patientenbett sitze und Sterbende fragen, was denn „danach“ auf sie zukomme. Mir helfen diese Vorstellungen der Bibel. Mit ihrer Hilfe kann ich Worte für das finden, was ich glaube und erhoffe.
Liebe Schwestern und Brüder, diese Visionen bestätigen sich auch, wenn Jesaja das Bild von einer blühenden Wüste entwirft. „Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden.“ Die Wüste steht für lebensungünstige Umstände: eintönig und karg, voller Gefahren, entbehrungsreich und einsam. Das kann wörtlich wie im übertragenen Sinn gemeint sein: Der Mensch fühlt sich allein, einsam, auf sich selbst zurückgeworfen, „täuschenden Trugbildern ausgeliefert“ (Zitat Drehsen), sozial isoliert, im Leben bedroht. Aus dieser Ödnis will Gott eine Gegend schaffen, die dem Paradies gleicht!
„Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. … sondern die Erlösten werden dort gehen.“ Auf einer heiligen Straße, die keine Gefahren mehr durch wilde Tiere oder Trockenheit birgt, wird das Volk Israel den Heimweg zum Hause Gottes antreten. Dieser heilige Heimweg wird weder durch körperlich unreine noch durch charakterlich schwache Menschen entweiht. Torheit und Dummheit sind nach alttestamentlicher Auffassung kein Mangel an Begabung, sondern solche Menschen handeln schuldhaft und haben einen charakterlichen Defekt. Denn dem Menschen ist durch Gottes Wort „kundgetan, was gut ist“ (Micha 6,8), und er darf - selbst bei bescheidener Intelligenz - kein Tor sein. Menschen, die den göttlichen Willen ignorieren, gehen nicht auf diesem heiligen Weg. Ich wünschte mir, wir könnten mit dieser Klarheit des Propheten manchmal auch Stellung beziehen. Die Erlösten werden dort gehen. Das „Lösen“ ist ein Begriff aus dem Recht. Erlöste sind diejenigen, die gelöst worden sind aus schuldhaften Verstrickungen, die z.B. einen verlorenen Familienbesitz wieder erworben haben, aus Sklaverei freigekauft worden sind oder bei denen Mord und Totschlag gesühnt werden konnte. Gott wird durch die Erlösung wieder Gemeinschaft zwischen sich und seinem Volk herstellen.
Liebe Gemeinde, kommen wir nun zu dem Schlussteil des Textes und den Mitgliedern der Kantorei und manchen anderen wird es so gehen, dass sie mit diesen Worten die wunderbaren Klänge aus dem Requiem von Brahms verbinden: „Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“ Gott befreit und führt nach Hause zum Zion. Die Erlösten kehren um zu ihm. Die Menschen im Exil kommen dorthin zurück, wo sie hingehören. Das ist Anlass zu größter Freude und zu lautem Jubel, nicht nur in, sondern auch über den Pilgern. Diese Wonne eilt ihnen nach, sie ist überall, und nichts Schweres kann sie mehr belasten.
Liebe Gemeinde,
weil das so ist und ich erinnere an den Wochenspruch „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ (Lukas 21,28) - sind wir zu aufrechtem Gang und Erheben unserer Häupter aufgefordert. Den Kopf heben, damit wir weiter sehen, Hoffnung sehen können, denn unsere Aussichten sind im Grunde „glänzend“, denn wir warten auf den, der diese Welt endgültig verwandeln, erlösen und neu schaffen wird. Die aufrechte Körperhaltung drückt es aus: Ich lasse mich nicht von Angst beherrschen, ich lasse mich nicht hetzen und überstürze nichts. Heute feiern wir den 2. Advent. Wir feiern den Beginn unserer Erlösung. Wir feiern, dass wir ein Zuhause bei Gott haben und in Ewigkeit haben werden.
Amen.