Liebe Gemeinde!
I
Der Glaube sieht die Welt in den Händen eines Gottes, der mit sich reden lässt. Die Möglichkeit, sein Leben im Geist des Gebetes zu führen, befreit von der Vorstellung, die Welt sei so etwas wie ein Motor, und alles an ihr sei „Maschine“, und Menschenleben nicht mehr als Rädchen, die in ihr funktionieren.
Die Menschen sind nicht dem Schicksal ausgeliefert. Keine anonymen Kräfte, Mächte, Strahlen oder Sterne haben sie in ein Uhrwerk eingespannt, das mit eherner Präzision abläuft und das Geschehen ihrer Sekunden vorbestimmt. Nichts spricht so deutlich dagegen wie die Einladung Jesu zum Gebet.
Die Demokratie ist harmlos gegenüber der Art, wie Gott sich auf seine Weltregierung hin von jedermann ansprechen lassen möchte. Gott will nicht alleine sein. Gott will nicht alleine bestimmen. Er sucht, er braucht um seiner selbst willen Partnerschaft. Darum gibt es die Einrichtung des Gebetes. Gleichgültig ob Konfirmandin oder Theologieprofessor: Jede und jeder kann sich an ihn wenden. Jede und jeder kann mitreden, wenn Menschen vor Gott stehen und über sich und den Lauf des Lebens nachdenken. Gott hört auch dann noch zu, wenn andere Menschen längst abgeschaltet haben.
II
„Nur der Starke wird das Schicksal zwingen“, konnte Friedrich Schiller einmal sagen. Im Gebet geht es auch um diese Stärke, die dem Schicksal widerspricht, und um ein Starksein, dass sich nicht unterkriegen lässt.
Die Stärke, die im Gebet der Macht des Bösen entgegen treten kann, ist denen verheißen, die Vertrauen zu Gott haben und die Zukunft des Lebens im Licht der Liebe Jesu Christi sehen. Jesus Christus hat jedoch auch vor einem Missbrauch des Gebetes gewarnt. Wenn Du betest, dann „geh in dein Kämmerlein“ heißt es. Jesus sieht die Gefahr, dass der im Gebet zum Partner Gottes erhobene Mensch sich als eine Art metaphysischer Kraftmeier versteht, der mit beschwörenden Worten demonstrativ betet und seine Gottesbeziehung zur Schau stellt, um so Eindruck zu machen. Jesus warnt deshalb auch davor, beim Gebet „viel zu plappern wie die Heiden“. Mich stört es darum empfindlich, wenn ich gerade im kirchlichen Raum den Satz höre: „Der und der war ein grosser Beter“. Damit wird der Eindruck erweckt, als käme es im Gebetsleben darauf an, es wie eine virtuose Kunst zu beherrschen. Beim Gebet im Sinn Jesu drücken Menschen ehrlich und einfältig aus, was sie brauchen und was sie wünschen. Beten ist etwas anderes als Kunst für fromme Könner: Christinnen und Christen sind wie die Kinder, wenn sie Gott darum bitten, dass das Dasein und die Schöpfung, in der sie leben, ihren Sinn behalten und nicht die Macht des Bösen obsiegt - im Grossen wie im Kleinen.
Und die Bibel sagt dazu: Je unbefangener und einfacher das vor Gott gebracht wird, und sei es nur in die Sprache eines wortlosen Seufzers, desto aufrichtiger und echter wird ein solches Gebet sein. Beim Beten können Menschen die Bettler sein, die sie sind. Da wo ich beten kann, habe ich einen Ort gefunden, an dem ich es nicht mehr nötig habe, mich zu verstellen. Da habe ich es nicht mehr nötig, darüber nachzudenken, wie ich ankomme und ob ich Wirkung zeige. Mit diesem Trost wird gleichzeitig ein Stück Religionskritik deutlich, die im Zeitalter moderner Massenmedien an Aktualität gewonnen hat: Wenn, wie neuerdings öfter im Fernsehen bei Gedenkgottesdiensten, Kirchentagen oder Papstbesuchen, die Kamera das Gesicht von Politikern und Kirchenfürsten aller Art auf die Fernsehschirme bringt, dann ist das vom Neuen Testament her gesehen, etwas, bei dem ich mich frage: Ist das nicht mehr Schau als Gebet? Verfehlen solche Einstellungen nicht den Geist des Gebetes, wie Jesus ihn vertreten hat? Wird hier nicht das, was die Eigenart christlichen Betens ausmacht, verraten?
III
Einfachheit, das ist das Stichwort, unter dem sich zusammenfassen lässt, was Jesus vom Gebet gelehrt hat. Letzten Endes geht es beim Beten , wie Jesus es gelehrt hat, nur um eines: Dass Gott unser Freund bleibt, oder anders gesagt: Dass wir uns mit darum sorgen dürfen, dass Gott sich treu bleibt. Gott darf nicht vergessen, sein Reich für eine Welt heraufzuführen, in der die Liebe regieren soll, und in der die Blinden sehen, die Lahmen gehen und die Toten auferstehen. Jesus wusste: Ist von dieser Welt, von Gottes Reich nichts spürbar, und bleibt sie den Menschen fern, dann verfallen sie der Verzweiflung. Kommt den Menschen das Reich Gottes nicht „nahe“, dann geraten sie unter die Macht des Bösen. Darum lautet die Achse, um die sich Jesu Gebet dreht, die Bitte: „Dein Reich komme.“ Die anderen Bitten des Vaterunsers sind sozusagen wie in der Kunst der Fuge eine Variation des einen Themas: „Dein Reich komme“. Das Reich Gottes, die Erlösung, die Jesus den Menschen versprach, sie ist erst als „Angeld“ erfahrbar, sie ist sozusagen nur in der ersten Anzahlungsrate für die Welt vorhanden, als eine Art Vorgeschmack, aber sichtbar. Für alle Geschöpfe deutlich ist das Leben, wie Jesus es sah und wollte, noch nicht da. Jesus tritt deshalb in seiner Lehre vom Gebet an die Seite der Unglücklichen. Er stellt sich mit seinem „Vaterunser“ neben die Zweifelnden, er übernimmt ihr Seufzen, wenn er Gott bittet: „Dein Reich komme.“
IV
Vielleicht hat Jesus deshalb Gott in seinem Gebete auch bewusst „Vater“ genannt und nicht Mutter. Zu seiner Zeit waren Väter ihren Kindern oft ferner als Mütter. Mütter waren damals sozusagen immer für die Kinder da, aber die Väter und deren Schutz musste man oft schmerzlich entbehren, so lieb Väter einem vielleicht auch sein konnten. Die Metapher „Vater“, das Bildwort „Vater“ beschreibt deshalb den Umstand, dass es auch in der intensivsten Gottesbeziehung das Moment des Leidens an der Ferne Gottes gibt. Bei dieser so verstandenen Vater-Anrede fällt zweitens auf, dass Jesu Bildsprache nicht sagt „mein“ Vater, sondern „Unser Vater“. Damit unterstreicht er, dass Menschen wo immer sie auf der Welt leben und wie immer sie auch aussehen, zu einer Familie gehören, die ein und denselben Ursprung hat. Die Unterschiede, die uns voneinander trennen, verlieren, nimmt man den Geist des „Vaterunsers“ ernst, ihre die menschen-diskriminierende Macht. Jesus kennt sozusagen keine Ausländer, denn für ihren einen himmlischen Schöpfer sind alle Menschen untereinander Schwestern und Brüder, schon allein deswegen, weil sie ihm angehören, und er so für sie sorgt, dass er sich an sie alle verschenkt.
Das ist das erste, was deutlich wird, wenn Gottes Reich unter den Menschen wirksam wird und die Mächte des Bösen gebannt werden sollen. Gleichgültig welcher Rasse wir angehören, gleichgültig in welchem Land wir leben, wir verdanken unser Leben gemeinsam ein und derselben Schöpfergüte.
V
Das zweite Anliegen seines Gebetes kleidet Jesus in die Bitte „Dein Name werde geheiligt.“ Auch damals war zu erleben, wie Gottes guter Name durch Menschen beschmutzt wurde. Für alles mögliche musste und muss der Name Gottes herhalten. Ich denke an Fanatismus und Religionskriege, ich denke an Kaiser, Feldherren und politische Parteien, die mit Gottes Namen Eindruck machen wollen und auf Stimmenfang gehen, aber im Grunde genommen mit diesem Namen Schindluder treiben, indem sie ihn vor den Karren eigener Interessen spannen. Jesus wusste: Letzten Endes liegt es an Gott selbst, dass er das zulässt und sein Name in Misskredit gerät. Er bittet deswegen als erstes darum, dass Gott selbst dafür sorgen möge, dass die Menschen seinen Ruf nicht zerstören, sondern „heiligen“ und gelten lassen.
VI
Ich vermute, keine Bitte des „Vaterunsers“ ist so oft missverstanden worden wie die Bitte „Dein Wille geschehe“. Diese Worte werden meist als Unterwerfung und Formel für eine Ergebung ausgelegt, so als sei der Anteil von Wunsch nach Veränderung und vielleicht auch Klage, wie er in jedem Bittgebet mitschwingt, hier wieder zurückgenommen. Dabei ist zuzugeben, dass Gott mitunter besser weiß, was für einen Menschen gut ist, als es diesem Menschen selbst möglich ist. Aber der Nachsatz von „Dein Wille geschehe“, nämlich „wie im Himmel so auf Erden“ weist das Verständnis dieser Bitte in eine andere Richtung: „Dein Wille geschehe“ ist eine Wiederholung des Inhaltes der vorhergehenden Bitte „Dein Reich komme“ mit anderen Worten. „Dein Wille geschehe“ verschärft die Wiederholung der Bitte „Dein Reich komme“ mit dem Zusatz „wie im Himmel so auch auf Erden“. Jesus möchte, dass Gottes Wille nicht nur etwas für die Religiösen bleibt. Was Gott will, soll sich nicht allein durch Entrückung und bei Meditation erschliessen. Jesus möchte, dass Gottes Wille auch zu einer Erfahrung des Alltags werden kann: Die Welt unseres menschlichen Auf und Ab, das ist dem Vaterunser nicht fremd, sondern das ist auch in seiner Glanzlosigkeit gerade der Ort, an dem Gottes Gebote sich bewähren und besonders den Verlorenen Trost und Segen stiften sollen. Darum betet Jesus: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“.
VII
In diesem Sinn fährt das „Vaterunser“ fort, wenn es folgerichtig heißt „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Hier ist dabei besonders darauf zu achten, dass Jesus nicht sagt „Mein täglich Brot gib mir heute“, sondern „Unser täglich Brot gib uns heute“. Ernährung, das, was man zum Leben braucht; die Fachleute nennen das „Daseinsvorsorge“. Sie ist demnach keine Angelegenheit, die als Privatsache bzw. Privateigentum angesehen werden kann. Brot und Wasser, aber auch Wärme und Wohnung, das sind nach christlicher Auffassung keine Güter, die man nutzen kann, um damit Geschäfte zu machen. Sie sind heilige Gaben, wie das Leben überhaupt, Gaben die von Gott kommen und die er den Menschen in Gemeinschaft anvertraut hat, damit sie sie nicht alleine für sich halten, sondern sie miteinander teilen. Die Daseinsvorsorge gehört zum, wie die Theologen der Alten Kirche es ausdrückten, „Bonum commune“. Alle hatten in gleicher Weise ihr Recht daran. Brot ist eine Gabe, die niemals einem Menschen allein gehört. Brot kommt von Gott. Darum kann es nicht einer Schicht von Privilegierten vorbehalten sein, ihr Brot nur exklusiv und allein zu essen. Das ist der tiefe Sinn des Tischgebetes, bei dem Reiche und Arme nur in gleicher Weise die Hände falten können: Brot ist immer „Brot für die Welt“. Darum betet Jesus: „Unser täglich Brot gib uns heute".
VIII
Was Menschen ebenso wie das tägliche Brot zum Leben brauchen ist Vergebung. „Wo Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit“ kann Martin Luther einmal sagen. Aber im Klima eines anhaltenden Beleidigtseins und dort, wo man womöglich sogar auch noch auf Unversöhnlichkeit seinen Stolz und seine Ehre gründet, da stirbt das Menschliche. Wo Menschen es nicht schaffen, ihre Schuld einander abzunehmen und sie gemeinsam zu tragen, da können sie nicht miteinander leben und müssen verkümmern. Dabei ist zuzugeben: Es ist manchmal sehr sehr schwer, einander zu verzeihen, vielleicht ist es für manche sogar das Schwerste im Leben. Aber das Gebet, das ist der Ort, an dem man vor Gott in dieser Hinsicht sozusagen Anlauf nehmen kann. Besprechen wir mit ihm dort, was uns andere angetan haben, wie wir von ihnen bedroht und gekränkt wurden, dann wachsen uns von daher auch Kräfte für einen neuen Anfang zu, und zwar für einen Anfang, der es nicht nötig hat, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
IX
„Und führe uns nicht in Versuchung“ ist von daher die Bitte zu Gott, nicht alles in der Welt, in der wir leben, beim Alten bleiben zu lassen. Wir sind der größten Versuchung erlegen, wenn wir sagen: Es bleibt alles so, wie es ist. Wenn Gottes Wort wahr werden soll, dann liegt es letztlich am Kommen von etwas Neuem, dem Kommen seines Reiches. Bleibt jedoch dieser Einbruch von etwas Neuem in unserem Leben aus, bleibt das für die Welt spürbare Kommen von Gottes Reich aus, dann droht, was Bonhoeffer einmal in die Worte fassen konnte „Die Unsichtbarkeit macht uns kaputt“. Jesu Gebet stellt sich dieser Spannung und begibt sich in sie hinein. Sein Realismus steht an der Seite derjenigen, denen undeutlich geblieben ist, wie Wirklichkeit werden kann, was Mensch und Natur einmal sein sollen. Jesus weiß: Wenn das ausbleibt, ist alles in Frage gestellt. Aber seine Schule des Gebetes appelliert an einen Geist, der nicht aufhört danach auszuschauen und darum zu bitten, dass einmal wahr und sichtbar werden wird, was Gottes Wort als Verheißung über die Welt geschrieben hat „Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit".
Amen