Predigt

Copyright Kantorei Barmen-Gemarke e.V
11. November 2007
Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
Prof. Dr. Christian Möller, Heidelberg

Predigt über das Lied
„Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“ (EG 351)
von Paul Gerhardt (1607-1676) zu seinem 400. Geburtstag

Ist Gott für mich, so trete
Gleich alles wider mich,
Sooft ich ruf' und bete,
Weicht alles hinter sich.
Hab' ich das Haupt zum Freunde
Und bin geliebt bei Gott,
Was kann mir tun der Feinde
Und Widersacher Rott'?

Nun weiß und glaub' ich feste,
Ich rühm's auch ohne Scheu,
Dass Gott der Höchst' und Beste,
Mein Freund und Vater sei,
Und dass in allen Fällen
Er mir zur Rechten steh'
Und dämpfe Sturm und Wellen
Und was mir bringet Weh.

Der Grund, da ich mich gründe,
Ist Christus und sein Blut,
Das machet, dass ich finde
Das ew'ge wahre Gut.
An mir und meinem Leben
Ist nichts auf dieser Erd';
Was Christus mir gegeben,
Das ist der Liebe wert.

Mein Jesus ist mein' Ehre,
Mein Glanz und helles Licht.
Wenn der nicht in mir wäre,
So dürft' und könnt' ich nicht
Vor Gottes Augen stehen
Und vor dem strengen Sitz;
Ich müsste stracks vergehen
Wie Wachs in Feuershitz'.

Mein Jesus hat gelöschet,
Was mit sich führt den Tod;
Der ist's, der mich rein wäschet,
Macht schneeweiß, was ist rot.
In ihm kann ich mich freuen,
Hab' einen Heldenmut,
Darf kein Gerichte scheuen,
Wie sonst ein Sünder tut.

Nichts, nichts kann mich verdammen.
Nichts nimmet mir mein Herz!
Die Höll' und ihre Flammen,
Die sind mir nur ein Scherz.
Kein Urteil mich erschrecket,
Kein Unheil mich betrübt,
Weil mich mit Flügeln decket
Mein Heiland, der mich liebt.

Sein Geist wohnt mir im Herzen,
Regieret meinen Sinn,
Vertreibt mir Sorg' und Schmerzen,
Nimmt allen Kummer hin,
Gibt Segen und Gedeihen
Dem, was er in mir schafft,
Hilft mir das Abba schreien,
Aus aller meiner Kraft.

Und wenn an meinem Orte
Sich Furcht und Schwachheit find't,
So seufzt und spricht er Worte,
Die unausprechlich sind
Mir zwar und meinem Munde,
Gott aber wohl bewusst,
Der an des Herzens Grunde
Ersiehet seine Lust.

Sein Geist spricht meinem Geiste
Manch süßes Trostwort zu,
Wie Gott dem Hilfe leiste,
Der bei ihm suchet Ruh',
Und wie er hab' erbauet
Ein' edle, neue Stadt,
Da Aug' und Herze schauet,
Was er geglaubet hat.

Da ist mein Teil, mein Erbe
Mir prächtig zugericht't;
Wenn ich gleich fall' und sterbe,
Fällt doch mein Himmel nicht.
Muss ich auch gleich hier feuchten
Mit Tränen meine Zeit,
Mein Jesus und sein Leuchten
Durch süßet alles Leid.

Die Welt, die mag zerbrechen,
Du stehst mir ewiglich,
Kein Brennen, Hauen, Stechen
Soll trennen mich und dich,
Kein Hungern und kein Dürsten,
Kein' Armut, keine Pein,
Kein Zorn der großen Fürsten
Soll mir ein' Hindrung sein.

Kein Engel, keine Freuden,
Kein Thron, kein' Herrlichkeit,
Kein Lieben und kein Leiden,
Kein' Angst und Herzeleid,
Was man nur kann erdenken,
Es sei klein oder groß,
Der keines soll mich lenken
Aus deinem Arm und Schoß.

Mein Herze geht in Sprüngen
Und kann nicht traurig sein,
Ist voller Freud' und Singen,
Sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet,
Ist mein Herr Jesus Christ;
Das, was mich singen machet,
Ist, was im Himmel ist.


Der Apostel Paulus schreibt an die Römer (8, 31ff.):

„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? ... Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

I.

Liebe Gemeinde,  wie es von Mendelssohn Bartholdy „Lieder ohne Worte“ gibt, so gibt es in der Bibel Worte, die darauf warten, dass sie Lieder werden, weil sie in sich schon voller Klang sind. Bei Paul Gerhardt ist das Wort des Apostels Paulus aus Römer 8 ein Lied geworden, das wir nach einer englischen Melodie aus dem Jahr 1590 gerade gesungen haben und nachher weiter singen werden: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“.

Warum drängt biblischer Glaube eigentlich immer wieder ins Singen? Weil es um das Geheimnis von Gottes Liebe geht, die uns näher kommt, als wir uns selbst nahe zu sein vermögen. Im Blick auf dieses Geheimnis sagt der Kirchenvater Augustin in seinen „Bekenntnissen“: „Erklären können wir das nicht; verschweigen dürfen wir das nicht; also singen wir!“ Singende sind wie Verliebte, die den Mund zu voll nehmen, weil sie von etwas erfüllt sind, was der Verstand noch bezweifelt und das Herz noch nicht fassen kann. Im Singen schleift der Mund das arme Herz und den stolzen Verstand hinter sich her und gibt ihnen etwas zu hören, was zunächst nur singend laut werden kann.

Wenn Israel auf der Flucht vor den ägyptischen Verfolgern durchs Rote Meer hindurch gerettet wird und die Verfolger umkommen, stimmen Mose und die Israeliten ein Lied an:  „Singen will ich dem Herrn, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt“(2. Buch Mose 15,1). Erklären können sie die Rettung nicht; verschweigen wollen sie es nicht. Also singen sie!

Wenn Maria erfährt, dass sie auserwählt ist, den „Sohn des Höchsten“ zu gebären, stimmt sie mit und für Elisabeth einen Lobpreis an: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes“ (Lukas 1, 46f.). Erklären kann sie nicht, warum gerade sie auserwählt wurde; verschweigen darf sie es nicht. Also singt sie!

So ist auch Paul Gerhardt ein Sänger, der uns Worte in den Mund legt, die das arme Herz noch nicht fassen kann und der Verstand noch bezweifelt, während der Mund etwas laut werden lässt,  was gesungen oder wenigstens gesummt werden muss.

Stell dir vor, du bringst dein Kind ins Bett und es sagt dir: Ich hab Angst vor der Dunkelheit! Erklären kannst du dann nicht viel; verstummen darfst du aber auch nicht; also singst du:

„Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.“

Stell dir vor, du wachst nach einer fürchterlichen Nacht auf, schweißgebadet und bis auf die Knochen zerschlagen, schaust aus dem Fenster hinaus und eine helle Sonne lacht dich an. Das ist wie eine Auferstehung, die du nicht erklären kannst, aber auch nicht unterdrücken willst, also singst du:

„Die güldne Sonne,
voll Freude und Wonne
bringt unsern Grenzen
mit ihrem Glänzen
ein herzerquickendes liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder,
die lagen darnieder,
aber nun steh ich,
bin munter fröhlich,
schaue den Himmel mit meinem Gesicht.“

Als kleiner Junge sah ich in meiner Heimatstadt Görlitz, wie vertriebene Schlesier über die Neisse durch unsere Stadt zogen: völlig verstörte Menschen, die oft nicht mehr als einen Leiterwagen hatten. Sie konnten nicht fassen, was mit ihnen geschehen war. Nur einige hoben dennoch den Kopf und sangen still vor sich hin:

„Befiehl du deine Wege
und, was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege des,
der den Himmel lenkt“.

Singend schöpften sie mit Paul Gerhardt Hoffnung, obwohl ihr Verstand an allem zweifelte und ihr Gemüt völlig erschöpft war.

II.

„Wo man singt, da lass dich nieder; böse Menschen haben keine Lieder“. Ich glaube, dass diese Weisheit nach dem Gebrüll der SA-Horden mit ihren Marsch-Gesängen ihre Wahrheit verloren hat. Leider ist es ja auch in den Fußballstadien bei Länderspielen so, dass die erste Strophe unserer Nationalhymne immer öfter ertönt: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“. Dabei ist der Ursprung dieses Liedes ganz anders: Als der Freiheitskämpfer Hermann von Fallersleben im 19. Jahrhundert auf der damals britischen Insel  Helgoland gefangen lag und vor Sehnsucht nach seinem Heimatland schier verging, da dichtete er: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“. Ein Liebeslied, aus dem die Sehnsucht klingt. Ach, was kann doch aus einem Lied werden, wenn es pausbäckig missbraucht und ins Gegenteil verkehrt wird!

So kann auch Paul Gerhardts Lied „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“ ins Gegenteil verkehrt werden, wenn es der Pharisäer singt, der in Jesu Gleichnis seine Frömmigkeit ausposaunt: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jener Zöllner!“ Wird Paul Gerhardts Lied pausbäckig gesungen, zur Überhöhung des eigenen frommen Ichs, dann wird alles falsch. Sehen wir also zu, wann dieses Lied in seiner Wahrheit zu klingen beginnt:

1. Ich denke an eine Lehrerin, die heute schon wieder Angst hat, wenn sie morgen die Tür zu ihrer Klasse aufmacht und sich einer feindlichen Horde gegenübersieht, die alles daran setzt, um sie aus dem Tritt zu bringen. Ihr würde ich am liebsten Paul Gerhardts Lied in den Mund legen:

„Ist Gott für mich, so trete
gleich alles wider mich.
So oft ich sing und bete,
weicht alles hinter sich.“

2. Ich denke an einen Menschen, den alle, die Ärzte und Verwandten und auch er selbst, schon aufgegeben hatten und der durch eine Operation dennoch gerettet wurde und dem zu Mute ist, als wäre ihm das Leben noch einmal neu geschenkt worden. Ihm würde ich am liebsten Paul Gerhardts Lied in den Mund legen:

„Nun weiß und glaub ich feste,
ich rühm’s auch ohne Scheu,
dass Gott der Höchst und Beste,
mein Freund und Vater sei …“

3. Ich denke an einen Menschen, der vom Gefühl nicht mehr los kommt, er habe sein Leben im Grund verfehlt, und was er jetzt noch zu leben habe, sei im Grunde sinnlos. Ihm würde ich am liebsten Paul Gerhardts Lied in den Mund legen:

„Der Grund, da ich mich gründe,
ist Christus und sein Blut;
das machet, dass ich finde
das ewge, wahre Gut.
An mir und meinem Leben
ist nichts auf dieser Erd;
was Christus mir gegeben,
das ist der Liebe wert.“

4. Ich denke an einen Menschen, der 30 oder gar 40 Jahre mit einem Lebenspartner das Leben geteilt hat und ihn plötzlich durch den Tod verloren hat, so dass er nicht mehr weiß, wie er jetzt noch weiterleben soll, wohin überhaupt sein Leben geht und woher ihm Trost noch werden könnte. Ihm würde ich am liebsten Paul Gerhardts Lied in den Mund legen:

„Sein  Geist spricht meinem Geiste
manch süßes Trostwort zu:
wie Gott dem Hilfe leiste,
der bei ihm suchet Ruh.
Und wie er hab erbauet
ein edle neue Stadt,
da Aug und Herze schauet,
was es geglaubet hat.“

Und wenn ihr mich jetzt zum Schluss fragt, woher Paul Gerhardt diese Lieder hat, muss ich euch antworten: Aus seinem Leben hat er sie nicht schöpfen können. Dazu war dieses Leben viel zu schwer: Dreißigjähriger Krieg, Tod von vier seiner fünf Kinder, Amtsenthebung durch einen  machtbewussten, anmaßenden calvinistischen Fürsten – da gibt’s nichts mehr zu lachen für einen lutherischen Theologen. Und zu singen?  Nur unter einer Bedingung, die die Grundbedingung für alles echte, tiefe Singen ist:

„Mein Herze geht in Sprüngen
und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen,
sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet,
ist mein Herr Jesus Christ;
das, was mich singen machet,
ist, was im Himmel ist.“


Seitenanfang