In diesem dranbleibenden und durchhaltenden Glauben, der sich festmacht im Erhofften, kommt die neue Welt Gottes schon an, hat sie schon ihren Ort. Dieser zuversichtliche Glaube ist nicht ortlos, nicht utopisch: Er ist eine Hoffnung, die schon einen Ort hat, einen Ort in lebendigen Menschen, die in fester und gewisser Zuversicht glauben. Keine utopische Utopie also, die noch keinen Ort hat, die nirgendwo ist, sondern eine adventliche, eine wegbereitende Utopie, die ihren Ort schon in Menschen gefunden hat. In Menschen, die nicht nur zum Vertrauensglauben gekommen sind, sondern zu einem hoffenden Beharrungsglauben, zu einem feststehenden, ausdauernden, ja widerständigen Glauben weitergegangen sind, weil sie von einer kommenden Welt des Gottes Israels und von der gerechten Neu-Stadt Jerusalem gehört haben. Diese Ziel lässt sie nun nicht mehr los: trotz aller Enttäuschungen und Frustrationen, trotz aller Verluste, trotz aller Verfolgungen.
Dieser adventliche Glaube begründet nicht die Festigkeit der Hoffnung, sondern es ist genau umgekehrt: In diesem adventlichen Glauben erweist sich die Zukunft, der Advent Gottes, schon vorweg: in utopisch hoffenden Menschen.
II
Das wandernde Gottesvolk (Hebräer 11,2-40)
Der ausharrende Glaube, zu dem der Hebräerbrief alle Wankenden und Müdegewordenen aufruft, steht nicht isoliert auf sich selbst, ist keine Utopie im Niemandsland. Dieser Glaube weiß sich vielmehr gegründet in einer Verheißungsgeschichte von Vätern und Müttern, von Frauen und Männern, die diesen hoffenden Glauben bereits glaubwürdig gelebt und vertrauenswürdig in ihrem Leben bezeugt haben, ja darüber z.T. zu Märtyrern und Märtyrerinnen geworden sind.
Wünsche, so hat der katholische Theologe Johann Baptist Metz des Öfteren gesagt, können befriedigt werden, nicht aber Sehnsüchte. Diese müssen liturgisch erinnert und immer lebendig weiter erzählt werden. Ich kann jetzt natürlich nicht die umfassende Geschichte des wandernden Gottesvolkes, die uns im Kapitel 11 des Hebräerbriefes entfaltet wird, nacherzählen. Eine Geschichte, die uns einlädt, adventlich von der Zukunft des Reiches Gottes her zu glauben. Ich kann nur einige Akzente zum selber Weiterlesen setzen:
a) Durch den hoffenden Glauben erkennen wir, dass die Äonen, die Weltzeiten, die Welten des Universums nicht durch einen Big Bang, nicht durch einen Urknall, auch nicht, wie einige Bibeln übersetzen, durch „ein Allmachtswort Gottes" gegründet, sondern durch das Verheißungswort dieses Gottes geschaffen sind (Hebräer 11,3). Weshalb die Schöpfung für diese Verheißungsgeschichte nach vorne offen ist: Die Evolution der Natur ist auf die Revolution des Reiches Gottes bezogen (H.-J. Kraus). Nicht heidnisch oder atheistisch im Sinne Hawkins sollte man deshalb vom Urknall, sondern eher vom Urklang des Anfangs reden, den der adventliche Glaube in der Schöpfung hören kann und darf: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament verkündet vom Werk seiner Hände" (Psalm 19,2).
b) Durch den hoffenden, neue Wege eröffnenden Glauben fühlt sich Abraham nicht selbst religiös berufen, sondern hört er, dass er gerufen wurde, auszuziehen: weg von den Götzen und dem versklavenden Götzendienst (Josua 24,2). „Und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme" (Hebräer11,8). Und er hatte als sein Vaterland nur diese Verheißung, in welcher er beheimatet war, seine Heimat hatte, die mit ihm ging. So könnte eine Bestimmung für Theologen und Christen in Deutschland lauten: Deutschland zum Mutterland und die Bibel zum ökumenischen Vaterland haben. Das wäre wahrer Patriotismus! Heinrich Heine hat von der Bibel als dem tragbaren, portativen Vaterland gesprochen, weshalb auch in den November-Progromen von 1938 viele Juden nicht ihr Geld, wie die Antisemiten aller Zeiten immer wieder meinen, sondern die Torarollen aus den brennenden Synagogen - auch hier in Wuppertal-Elberfeld - gerettet haben. Und als Abraham im Lande der Verheißung mit Isaak und Rebekka siedelte, blieben sie Fremdlinge und Beisassen. Abraham hatte nur einen Ort als Unterpfand der hoffenden Utopie, nämlich den vertraglich und rechtlich erworbenen Grabplatz für Sarah, die Höhle Makpela in Hebron (1. Mose 23), die noch heute um der Verheißung willen beiden, den Juden und Muslimen, aber doch auch den Christen gehört.
c) Durch den beharrlichen Glauben an die Verheißung empfing Sarah 80-jährig die Kraft, die Dynamis, noch im hohen Alter Isaak, den Sohn der Verheißung, zu empfangen (Hebräer 11,11). So wie die viel zu junge Mirjam des Neuen Testaments ebenfalls „die Kraft des Höchsten" empfing, an sich wirken ließ (Lukas 1,35) und dazu JA sagte, sich in dieser Verheißung festmachte: „Mir geschehe, wie Du verheißen hast" (Lukas 1,38). Und die Mirjam antwortet nicht zufällig mit den Worten der Sarah aus 1. Mose 18,4: „Sollte für Gott, für den HERRN, etwas unmöglich sein?". Geistgeburt - wie es die Rabbinen sagen -, war es bei Sarah, wie dann auch - wie es das Neue Testament sagt - bei der Mirjam!
d) Durch den ausharrenden Glauben blieben Abraham und Sarah in Zelten wohnen, siedelten sich also nicht in den festen heidnischen Kultur-Städten der Kanaanäer an. Warum das? Die Antwort des Hebräerbriefs kennen wir nicht aus dem Alten Testament. Wir kennen sie aber aus dem Weitererzählen des Alten Testaments im Judentum: Als Gott dem resignierenden Abraham, der nach einem konkreten Zeichen für Gottes immer noch nicht erfüllter Verheißung fragte, den Nachthimmel mit den unzählbaren Sternen zeigte (1. Mose 15), die Hinweis auf die Zahl seiner Nachkommen sein sollten, da zeigte er ihm auch die feste Stadt als Zentrum der neuen Welt Gottes, zeigte Gott ihm die Neu-Stadt Jerusalem, wo alle Völker in Gerechtigkeit und in messianischem Frieden und in messianischer Freude miteinander leben sollten. Deshalb zogen Abraham und Sarah nicht nach Ur in Chaldea zurück: „Sie hätten ja Zeit gehabt, dahin zurückzukehren" (Hebräer 11,15). Nun aber sind sie unterwegs auf ein besseres Vaterland hin, „denn Er (Gott) hat ihnen eine Stadt bereitet" (Hebräer 11,16). So „wartete er (Abraham) auf die Stadt, die feste Fundamente hat, deren Erbauer und Schöpfer der Gott Israels", der Gott der Verheißungen ist (Hebräer 11,10). So konkret wartete Abraham auf die Neu-Stadt Jerusalem: Das ist zugleich ein Hinweis für die LeserInnen des Hebräerbriefes, sich nicht an der „ewigen Stadt Rom" und ihrer Ideologie, an der Roma aeterna, sondern sich nach dem Neuen Jerusalem aus Gott auszurichten!
e) Der beharrende Glaube Abrahams wurde dann geprüft. Abraham wurde nämlich vor die Frage gestellt, ob er sich mehr auf die Verheißungstreue Gottes oder mehr auf das Unterpfand, das Gott ihm und Sarah in Isaak geschenkt hatte, verlassen wollte. Abraham hätte sich ja nach der Geburt Isaaks mehr auf das Unterpfand der Hoffnung verlassen können als auf die Verheißungstreue Gottes selber. Im ausharrenden Glauben bestand Abraham diese Prüfung, indem er Isaak, seinen einzigen Sohn, Gott zurückgab. Und jetzt kommt wieder das Neue, das wir in 1. Mose 22 noch nicht lesen können, das wir aber in der Isaak-Beracha des jüdischen 18-Gebetes bis heute in der Synagoge beten hören: Abraham „rechnete nämlich fest damit, dass Gott mächtig sei, die Macht habe, sogar aus den Gestorbenen heraus zu erwecken" (Hebräer 11,19). Denn darin besteht die Macht Gottes, dass „er die Gestorbenen auferwecken wird" (2. Beracha der Amidah des 18 Bitten-Gebetes). Deshalb erhielt Abraham den Isaak als Urbild künftiger Auferweckung der Gestorbenen zurück (Hebräer 11,19).
Auf diese Weise haben die Erzeltern die verheißene Utopie gelebt und erlitten: „Im Glauben starben sie alle, ohne die Verheißungsziele erlangt zu haben, und sie schauten sie (wie Mose vom Berg Nebo) nur von Ferne und grüßten sie und bekannten, dass sie Fremdlinge und Beisassen auf Erden sind" (Hebräer 11,13). Sie starben zwar, waren aber nicht tot, sondern schauten und schauen die kommende Neu-Stadt Jerusalem und das verheißene Vaterland und die Neuschöpfung der ganzen Welt von ferne. Das bringt uns nahe an die Mose-, die Auszugs- und die Passa-Geschichte heran.
f) Im widerstehenden Glauben handelten die Hebammen, wie auch die Eltern des Mose, indem sie sich dem Genozid- und Ausrottungsbefehl des Pharao widersetzten, „weil sie sahen, dass das Kind schön", d.h. von Gott auserwählt war (Hebräer 11,23). Und jetzt erfahren wir wieder vom Hebräerbrief etwas, was so im Alten Testament noch nicht, wohl aber in der jüdischen Überlieferung steht: Die Tochter des Pharao hatte den Mose adoptiert, so dass „er ein Sohn der Tochter des Pharao" geworden war (Hebräer 11,24). Mose wollte aber lieber auf die Seite der messianischen Befreiung treten und „mit dem Volk Gottes Böses erleiden", als einen zeitlichen Vorteil davontragen, „indem er die Schmach des Messias für größeren Reichtum hielt als alle Kulturschätze Ägyptens" (Hebräer 11,25). Auch hier steht wieder Rom und seine Ideologie sowie seine große Kultur im Hintergrund! Von dem Weg aus der Schande und Schmach zur Befreiung erzählt auch die Pessach-Haggada des Judentums.
Der Psychologe Eugen Drewermann wie der Ägyptologe Jan Assmann: „Die mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus" (2003) werfen Mose und dem Volk Israel vor, dass sie aus Ägypten ausgezogen seien und dadurch einen Keil in die mythische Harmonie religiösen Welterlebens und mytischer Ganzheitserfahrung getrieben hätten. Aber die Auszugs- und Passa-Tradition des Mose, der wir dann im Abendmahl wieder begegnen werden, sagt es anders: Eine Kultur, sei es die ägyptische, sei es die römische, sei es die europäisch-westliche, sei es die amerikanische, die auf der Sklaverei und Ausbeutung aufgebaut ist und eine Zweidrittelwelt von sich global abhängig macht, von der muss man ausziehen, um die kommende Neu-Stadt Jerusalem, die Stadt der Gerechtigkeit, und das Vaterland des Friedens, der Freiheit und der Freude zu suchen. So verzichtete Mose mit seinem ägyptischen Namen und der pharaonischen Adoption auf seine glänzende Karriere am Hof in Ägypten. Von woher hatte er die Kraft? Er hatte die Vision eines endgültig befreiten Volkes und der Völkerwelt. Und, wie Luther unübertroffen den Hebräertext übersetzt hat: „Er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er IHN" (Hebräer 11,27).
Ich bin in Mönchengladbach, der Stadt des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels, einem Computerfachmann begegnet, der sich gegen antisemitische Äußerungen seines Chefs gestellt hatte und den der Chef daraufhin entlassen hatte. Er bereute seine Zivilcourage und seinen Widerstand nicht. Nonkonformismus nennen wir das, Widerstehen, weil es mehr gibt als die Schätze Europas und das berufliche Fortkommen!
So feiern die Israeliten mit Mose das Passa, das Auszugsfest, so gehen sie im messianischen Glauben trockenen Fußes durch das rote Meer, immer die verheißene Neu-Stadt Jerusalem mit den festen und gerechten Fundamenten (Hebräer 11,10) vor Augen: „Denn in dieser Nacht wurden sie erlöst und in dieser Nacht werden sie erlöst werden", wie es die Pessach-Haggada, die Passa-Erzählung sagt. Und „das kommende Jahr in Jerusalem, im wieder neu erbauten Jerusalem, im Jerusalem des messianischen Friedens" (R.R. Geis), wie es die Pessach-Liturgie des Judentums bis heute erhofft.
g) Ich muss hier abbrechen und muss doch noch Folgendes aus der Reihe der Zeugen und Zeuginnen von Hebräer 11 erwähnen: In diesem messianischen Adventsglauben brach die Hure Rahab mit der kanaanäischen Stadt- und Volkskultur in Jericho und stellte sich auf die Seite derjenigen, die zur künftigen Stadt und zum neuen messianischen Vaterland unterwegs waren (Hebräer 11,31) und wurde dadurch zur Urmutter des Messias Jesus (Mattthäus 1,5).
In diesem messianischen Beharrungsglauben haben die Makkabäer, deren Freiheitskampf wir in den Makkabäer-Büchern nachlesen können, den neuen Pharao Antiochus IV Epiphanes, „den erscheinenden Gott", bekämpft und im Freiheitskampf besiegt, indem sie „Gerechtigkeit übten" (Hebräer 11,34). Dann wurde in Jerusalem das Chanukka-Fest, das Lichterfest, am 25. Dezember gefeiert. An diesen widerstehenden Glauben der makkabäischen Freiheitskämpfer, wie ihn der Hebräerbrief erzählt und wie er in der jüdischen und katholischen Tradition erinnert wird, sollten auch wir uns in unseren evangelischen Weihnachtsfeiern erinnern. Bei allen diesen messianischen Adventszeugen und Märtyrern und Märtyrerinnen gab es bereits Teilerfüllungen: Abrahams Höhle Makpela (1. Mose 23), die Befreiung des Volkes aus der Sklaverei Ägyptens durch Mose (2. Mose 3.6), der gelungene Aufbau einer gerechten staatlichen Gesellschaft in der Davidszeit (Hebräer 11,33). „Frauen erhielten durch Auferweckung ihre Gestorbenen zurück" (11,35). Die messianische Utopie hatte also immer schon ihren konkreten, anfänglichen Ort. Sie war nie ortslos-utopisch oder zeitlos-gnostisch. Sie war immer eine orts- und zeitorientierte Utopie des wandernden Gottesvolkes.
Dennoch heißt es von den Menschen des hoffenden Glaubens am Schluss von Hebräer 11: „Und diese alle erlangten, obschon sie in ihrem Glauben von Gott bestätigt worden waren, das Verheißungsziel noch nicht, ... damit sie nicht ohne uns zur Vollendung gelangen" (Hebräer 11,39f).
h) Wir bauen hier so feste und sind doch fremde Gäste ..., so haben wir jetzt des Öfteren gesagt. Das klingt so, als ob dieser Glaube im Hebräerbrief als ein Überzeugtwordensein vom Ewigen, vom Nicht-Sichtbaren, ein weltflüchtig-gnostischer Glaube wäre. Das klingt fast so, als ob das wandernde Gottesvolk hin zur Neu-Stadt Jerusalem ein weltverneinendes, gnostisches Gottesvolk wäre. So, im Sinne der Flucht aus unserer Welt in ein Jenseits, ist der Hebräerbrief bis heute oft missverstanden worden, so darf er aber nicht verstanden, darf seine Hoffnung und seine Verheißung nicht missverstanden werden.
Der Hebräerbrief erzählt, so sehr er vom Unsichtbaren der verborgenen Welt Gottes, vom oberen Jerusalem und vom himmlischen Hohepriestertum Jesu Christi weiß, doch zugleich vom Vorletzten im Blick auf das Letzte: Denn die Menschen dieses Hoffnungsglaubens und dieses nonkonformen Gottesvolkes waren - wie Amnesty International - für Gefangene tätig und gaben - wie der Hebräerbrief sagt - dafür ihren eigenen Besitz preis (Hebräer 10,34). Sie verneinten nicht die Welt und den Kosmos weltflüchtig, sondern erkannten im Hoffnungsglauben, dass die Welt durch das Verheißungswort Gottes auf Zukunft hin geschaffen ist (Hebräer 11,3) und dass wir deshalb in der Welt keinem fremden Demiurgen, sondern Gott dem Schöpfer begegnen (Hebräer 11,3), der niemals fahren lässt bzw. preis gibt die Werke seiner Schöpfungshände.
In diesem Verheißungsglauben hat Abraham die Isaak-Prüfung bestanden. Und zwar nicht deshalb, weil ihm die Hingabe des Isaak-Lebens gleichgültig und der Leib sowieso nur „das Gefängnis der Seele" (Plato) wäre. Sondern weil Abraham auf den Gott vertraute, „der die Macht hat, sogar die Gestorbenen aufzuerwecken". Weshalb er auch Isaak als Gleichnis und Urbild (künftiger Auferweckung der Gestorbenen) zurückerhielt" (Hebräer 11,19). Entsprechend erhielten Frauen ihre ermordeten und zu Märtyrern gewordenen Männer und Söhne durch Auferweckung zurück (Hebräer 11,35).
In diesem Verheißungsglauben und in der Gemeinschaft dieses wandernden Gottesvolkes wurde der Sabbat als Vorwegnahme der kommenden messianischen Ruhe und Freude im Reich Gottes gefeiert (Hebräer 4,1-13). In der Gemeinschaft dieses widerstehenden Gottesvolkes, „das sich vor dem Befehl des Königs nicht fürchtete" (Hebräer 11,23 und 27), zogen sie aus der Sklaverei aus (Hebräer 11,28f), übten sie Gerechtigkeit und kämpften sie einen ganz irdischen Kampf um Befreiung, um Gerechtigkeit und Recht hier im Vorletzten (Hebräer 11,33 im Blick auf das Josua- und Richter-Buch).
Und diese Aktionen des Widerstandes, diese Aktionen der Befreiung, diese Aktionen des Kampfes auch um menschlich-gesellschaftliche Gerechtigkeit waren auf das Aufrichten von Hoffnungszeichen im Vorletzten im Blick auf das Letzte: das Kommen „des Reiches Gottes und seine Gerechtigkeit" (Matthäus 6,33, Barmer Theologische Erklärung Art. V). Sie waren Vor-Zeichen. Und diese Menschen des hoffenden Glaubens waren und sind Nonkonformisten der Weltgeschichte (L. Baeck: Geheimnis und Gebot 1921/22), die um die Gerechtigkeit hier kämpfen und leiden, weil sie die Gottesgerechtigkeit von dort, von der Neu-Stadt Jerusalem her, erwarten. „Gott selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land" (Evangelisches Gesangbuch 395,3).
Diese Menschen der Hoffnung waren keine gnostischen Weltverächter, keine weltverachtenden Sektierer, keine die Schöpfung preisgebenden Zyniker, sondern Dissenters und Nonkonformisten, die die Weltmächte nicht klein kriegen, die die gewaltbesessene Welt der Pharaos von Ägypten bis zu den Ptolemäern und von den Cäsaren in Rom bis zu den Hitlers und Stalins der Neuzeit nicht mundtot machen konnten, deren Hoffnungsglauben sie nicht brechen und deren Wanderung zum Reich Gottes sie deshalb auch nicht aufhalten konnten.
Diese Geschichte des wandernden Gottesvolkes, an die uns der Hebräerbrief besonders in Kapitel 11 erinnert, zu der er uns mitzugehen einlädt, zeigt also, wie der Glaube, der sich im Erhofften festmacht, zu einer konkreten Geschichte im Vorläufigen fähig ist und zur Wegbereitung ermutigt (L. Baeck): zu einer Wegbereitung und einem Aufbrechen im Vorletzten im Blick auf das Letzte.
III
Der Messias Jesus auf dem Weg
Ausharrender und hoffender Glaube, so hörten wir bisher, ist eine gewisse und feste Zuversicht des Erhofften. Ausziehender und hoffender Glaube, so hörten wir sodann, wandert mit in der aus Israel und der ökumenischen Völkerkirche bestehenden Gemeinde, die auf dem Weg zum kommenden Reich Gottes ist, zur kommenden Neu-Stadt Jerusalem mit den von Gott selbst gegründeten festen, weil gerechten Fundamenten (Hebräer 11,3ff).
Hoffender Glaube, so hören wir im Hebräerbrief jetzt zum Dritten, ist deshalb ausharrender Glaube, weil der Messias Jesus selber der Kommende ist: So wird er in der Geschichte von dem Einzug in Jerusalem zum Passa-Fest, die wir als Lesung soeben gehört haben (Markus 11,1-11), von den Jerusalemern vom Inneren der Stadt aus begrüßt:
„Hosianna, Herr hilf,
rette doch.
Gesegnet, gelobt sei,
der da kommt im Namen des HERRN"
Im Namen des Gottes Israels (Markus 11,9).
Deshalb ist das ganze Kapitel Hebräer 11, das vom zuversichtlichen Glauben, das vom Glauben als gewisser Zuversicht des Erhofften spricht und den Weg der hoffenden Gemeinde durch die Jahrtausende, durch die Epochen israelitisch-jüdischer Geschichte (Leo Baeck) bis zu den Martyrien des Petrus und Paulus nacherzählt, nicht zufällig von der Messiashoffnung umrahmt bzw. eingerahmt: Warum sollen die Christen und Christinnen das Zutrauen und die Zuversicht nicht resignativ wegwerfen (Hebräer 10,35)? Warum sollen sie um des Verheißungszieles willen an der Hoffnung bzw. an dem Erhofften dranbleiben (Hebräer 11,36)? Die entscheidende Antwort lautet im Hebräerbrief mit Zitaten aus der Jesaja-Apokalypse Jesaja 24-27 (Jesaja 26,20 und 28,16): „Denn nur noch eine ganz kurze Zeit, dann wird der Kommende (gemeint ist Jesus als der messianische Retter und Erlöser) kommen und er wird nicht verziehen" (Hebräer 10,37).
So steht es unmittelbar vor unserem magistralen Kapitel Hebräer 11. Nach diesem Kapitel, das den Weg der hoffenden Gemeinde durch die Epochen der Verheißungsgeschichte hindurch geschildert hat, heißt es (Hebräer 12,1): „Weil wir eine so große himmlische Gemeinde, Wolke von Zeugen (der Hoffnung) um uns haben, ... lasst uns mit Ausdauer laufen in dem uns bestimmten Wettkampf, indem wir aufschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des (ausharrenden) Glaubens, der, um die vor ihm liegende messianische Freude (des Reiches Gottes) zu erlangen, das Kreuz erduldete, die Schmach und Schande (des Kreuzes) gering achtete und sich zur Rechten (des Herrscherthrones) Gottes gesetzt hat" (Hebräer 12,1f; Psalm 110,1). Von dort wird er „zum zweiten Mal ... zum Heil denen erscheinen, die auf ihn warten" (Hebräer 9,28). Den Weg von der Schmach zur Freude erzählt auch die Pessach-Haggada des Judentums bis heute.
Das Bekenntnis zu diesem messianischen Christus, so lautet die Botschaft des Hebräerbriefs, ist das Bekenntnis zur Hoffnung: Warum das? Weil er kommt, weil er selber noch auf dem Weg ist. Weil er der Kommende ist (Psalm 118,25), darum ist Glaube ausharrender Glaube, darum müssen und dürfen „wir ihm entgegengehen" (Evangelisches Gesangbuch 147,2). Darum nimmt die adventliche Gemeinde von Abraham und Sarah über Mose bis zu den Märtyrern der Makkabäerzeit und den Märtyrern Petrus und Paulus in Rom an den „messianischen Leiden", an den „Leiden des Messias", an der Schmach des Messias (Hebräer 11,26) teil, der als Messias selber noch unterwegs zu Gottes Ziel hin ist (Hebräer 1,2; 2,8).
Die messianische Hoffnung im Alten Testament und im Judentum und die Messiashoffnung auf den kommenden Christus im Neuen Testament machen den Glauben deshalb zum wartenden und eilenden Glauben und die Gemeinde zum wandernden Volk Gottes, zur Weg-Gemeinde durch die Zeiten, weil der Messias Jesus kommt, weil er entscheidend der Kommende ist (Hebräer 10,37).
"Wir warten Dein, oh Gottes Sohn und lieben Dein Erscheinen.
Wir warten Deiner mit Geduld in unseren Leidenstagen.
Wir warten Dein, Du kommst gewiss, die Zeit ist bald vergangen.
Was wird geschehen, wenn wir Dich sehn, wenn Du uns heim wirst bringen,
wenn wir Dir ewig singen!"
(Evangelisches Gesangbuch 152, 1.2.4.)
IV
Das Abendmahl als Mahl der Hoffnung (Hebräer 12,22-24)
Wir bauen hier so feste, und sind doch hier nur Gäste; doch wo wir werden immer sein, da bauen wir so wenig ein!
Nun noch zum Schluss Folgendes: Wie in Abschnitt I im zuversichtlich hoffenden Glauben, wie in Abschnitt II in der Geschichte des wandernden Volkes Gottes, wie in Abschnitt III in der Weg-Geschichte des kommenden Messias Jesus, so gibt es in Abschnitt IV auch im Gottesdienst der Gemeinde einen Ort, wo dieses Hoffnungs-Ziel bereits leibhaft erfahren werden kann, wo diese messianische Utopie bereits einen konkreten Ort bekommt: Das geschieht im Abendmahl, das wird erfahrbar in der Eucharistie, die wir in jedem evangelischen Gottesdienst feiern sollten, wie Karl Barth gefordert hat: „In der österlichen Eucharistie (und jede Eucharistie ist österlich) wird die feiernde Gemeinde bereits in die himmlische Festversammlung (in die Schar der Hoffnungszeugen) versetzt (Hebräer 12,22ff) und sie grüßt so von ferne das Ziel der Verheißung" (K. Niederwimmer).
Das Abendmahl ist im Hebräerbrief eine einzige Vorwegnahme: In der Teilhabe am Tisch des Messias (Hebräer 13,10: „Wir haben einen Altar ..."), im Ruf nach der Parusie des Menschensohnes, dem alles einmal untertan sein wird (Hebräer 1,5-10), in der Erfahrung der zeitlichen Nähe seines Kommens (Hebräer 10,37) und in der Erwartung seiner zweiten Ankunft zur Erlösung (Hebräer 10,28) wird die Zukunft bereits vorweg gegeben. Das Abendmahl ist nach dem Hebräerbrief eine einzige Vorweggabe. Das sagt der Hebräerbrief im Blick auf das Abendmahl hymnisch und lobpreisend so: „Ihr seid gekommen zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, des himmlischen Jerusalem, zur Festversammlung der zehntausend Engel, zur Gemeinde der Erstgeborenen, die in den Himmeln (in den Bürgerlisten des Reiches Gottes) aufgeschrieben sind ... und zu den Geistern der vollendeten Gerechten und zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, und zu dem Passa-Blut der Besprengung (an den Altar) (Markus 14,24; 2. Mose 24,8; 1. Petrbrief 1,2), das mächtiger redet als das Blut Abels" (Hebräer 12,22-24). Und warum das alles? Worin ist die Vorweggabe begründet? Weil Jesus bei seinem letzten Passa-Mahl in Jerusalem in messianischer Zuversicht und wegeröffnender Gewissheit den Zwölfen verheißen hat: „Ich werde von dem (roten) Wein nicht mehr trinken, bis ich ihn neu trinken werde im (kommenden) Reich Gottes" (Markus 14,25).
Der große Kirchenvater der griechischen Orthodoxie, Johannes Chrysostomos, der sich durch seine antijüdischen Hetzreden keinen guten Namen gemacht hat, hat dennoch im Blick auf Hebräer13,14 „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir" zutreffend gesagt: „Weißt Du denn nicht, dass unser gegenwärtiges Leben eine Fremde ist? Bist Du denn ein Bürger (einer Stadt)? Ein Wanderer bist Du! Verstehst Du, was ich sage? Du bist kein Bürger (einer Stadt), sondern ein Wanderer und ein Reisender. Sage nicht: Ich habe diese oder jene Stadt. Keiner hat eine Stadt. Die Stadt ist oben (und vorne!). Die Gegenwart ist ein Weg".
Das messianische Abendmahl der Hoffnung, zu dem wir von Christus selber an seinen Tisch und an den Tisch Gottes („Gott selber lädt uns ein") eingeladen sind, will - wie auch das Passa-Mahl der Synagoge - Wegzehrung sein auf diesem Weg zur künftigen Neu-Stadt, zum himmlischen Jerusalem des Gottes Israels und Vaters Jesu Christi, der das irdische Jerusalem zur gerechten Neu-Stadt Jerusalem verwandeln und zur Mitte des kommenden Reiches Gottes und Seiner Gerechtigkeit machen will und wird!
Marc Chagall hat diese Vision im Fraumünster in Zürich überaus eindrücklich gemalt und unvergesslich vor unsere Augen und Sinne gestellt. Eine Kopie davon hängt in meinem Arbeitszimmer. Und wer das einmal im Original gesehen hat, wird das so schnell nicht mehr vergessen: Die schöpferische Verwandlung des irdischen Jerusalem durch das Herabkommen des himmlischen Jerusalem; die Wächter, die man am Zion singen hört (Evangelisches Gesangbuch 147,3), die vom Zion her das Schopharhorn zur erlösenden Befreiung blasen; dazu die Ausweitung der Stadtgrenzen des irdischen Jerusalems zur Stadt des erneuerten Israel und zur Stadt des ökumenischen Gottesvolkes aus allen Völkern und für alle Völker (Jesaja 60,1ff); die Verwandlung des irdischen Jerusalems zur Neu-Stadt Jerusalem als Zentrum eines neu geschaffenen Himmels und einer verwandelten Erde!
Keiner hat diese Vision so konkret und so messianisch-utopisch in Liedstrophen gefasst, wie der Berner Dichter Kurt Marti:
"Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt, wenn einst Himmel und Erde vergehen.
Der Himmel, der kommt, das ist der kommende Herr, wenn die Herren der Erde gegangen.
Der Himmel, der kommt, das ist die Welt ohne Leid, wo Gewalttat und Elend besiegt sind.
Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.
Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert".
(Kurt Marti 1971; Evangelisches Gesangbuch 153)
Amen!