So endet der „Dezember-Psalm“ von Hanns-Dieter Hüsch, der mich immer wieder beeindruckt.
„Alles wird gut.“ Wir mögen das mit einem Schmunzeln quittieren. Der Dichter, der Kabarettist, er darf das, wie eine Mutter oder ein Vater aufmunternd zu ihrem Kind sprechen, als wäre gerade das Knie aufgeschlagen, die Tränen fließen und das Pflaster aufgelegt werden muss.
Aber wir wissen ja, dass es auf dieser Erde um endlos Schwereres geht als um aufgeschlagene Knie.
Alles wird gut - das dürfte uns so leichthin niemand entgegenhalten. Kein Politiker und keine Gelehrten und auch keine Pfarrerin. Das riecht nach Beschwichtigung, nach Vertröstung, ja Verdummung. Von dem Dichter aber, da lassen wir uns den kindlich-naiven Ton gefallen, mit dem er leicht und heiter unseren erwachsenen Realitätssinn herausfordert. Und vielleicht tut es uns auch gut, dass er uns damit für Augenblicke die ganz einfache Sehnsucht erlaubt, das möge wirklich stimmen: Alles wird gut.
Leicht und heiter ist der Ton des zweiten Petrus-Briefes nicht. Sein Verfasser schreibt mit dem Ernst einer gravierenden Auseinandersetzung. Aber es geht um die selbe Sehnsucht - und darum, ihr Recht zu geben, sie nicht als unrealistische Träumerei vom Tisch zu wischen: Alles wird gut. Nicht ein Quäntchen weniger als: Alles!
Die Tränen werden getrocknet werden von Kains und Abels Zeiten an. Die Tränen der zerstreuten Juden zur Zeit der Petrus-Briefe, die Tränen der Israeliten in ihren Kibbuzim und der Palästinenser in ihren Lagern, die Tränen aus dem dreißigjährigen Krieg und die aus den Weltkriegen. Die immer offenen Wunden grausamer Vernichtung werden heilen, und die verzweifelten Klagen im Irak, in Pakistan und an ungezählten Orten sich in Freude verwandeln. Der Durst nach vorenthaltenem Recht und Anteil an den Gütern der Erde wird gestillt. Die Niedergeschlagenen werden aufgerichtet sein. Das Seufzen der Natur und der Menschen und ihrer Kinder wird ein Aufatmen werden, das Sehnen nach Liebe und Frieden erfüllt, und das Leid verkümmerter Seelen überwunden. Zuviel. Viel zuviel, um es in Worte zu fassen.
Das alles wird gut. ALLES. Weil dieses eine gilt: Jesus kommt. Er kommt wieder. Und mit ihm kommt der Tag, an dem die Weinenden lachen werden und die Trauernden für immer getröstet sind.
Darum kämpft der Verfasser des zweiten Petrus-Briefes mit aller Glaubwürdigkeit, die er unter dem Namen des Petrus aufbringen kann. Darum kämpft er mit dem Nachdruck, dass seine Worte das Vermächtnis des gewichtigen Jüngers Jesu sind, der bald sterben wird, wie Jesus es ihm angekündigt hat.
Er kämpft darum, dass die Sehnsucht Recht behalten wird: Jesus kommt. Alles wird gut. Gegen wen muss er da so kämpfen? Am Ende sogar ein wenig gegen sich selbst? Und wohl auch gegen uns. Damals gegen seine Geschwister im Glauben, oder besser: um sie.
Menschen, die wie wir und wie er selbst wissen, dass es um unendlich Schwereres geht als um ein aufgeschlagenes Knie. Menschen, die ihm entgegenhalten: Wir haben doch Augen und Ohren und einen wachen Verstand im Kopf. Und sie konfrontieren ihn mit der uralten Feststellung, so banal und einfach, gegen die jeder Widerspruch zwecklos scheint: Es hat sich, seit Jesus auf Erden war, nichts verändert! Da ist kein Anzeichen des neuen Tages, der der ganzen Welt Frieden bringt. „Wo bleibt die Verheißung seines Kommens?“ so fragen sie.
Bis zu dieser Frage ist schon viel passiert. Sie ist nur noch rhetorisch, abwehrend. Sie hat die brennende Sehnsucht der ersten Christen schon verloren, mit der sie riefen: Wo bleibst du Trost der ganzen Welt? Komm, Herr Jesus, komm bald! Die Christen zur Zeit des Petrus-Briefes aber stellen fest: „Nachdem die Mütter und Väter schon entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.“ Nein, schlussfolgern sie: ALLES wird nicht gut. Für dieses ganze irdische Leben seit Kains und Abels Tagen wird es kein Heil, keine Errettung geben, nicht den erlösenden Morgen, der der Schöpfung den Frieden bringt.
Wir dürfen sie nicht falsch verstehen, die Kritiker, gegen die der zweite Petrus-Brief solche Mühe hat. Da ist immer noch Sehnsucht. Viel Sehnsucht. Aber sie denkt und fühlt nicht mehr in dieser wagemutigen Weite der alten Propheten: Alles wird gut! Sie wagt sich nicht mehr daran, die Völker wie Jesaja im Frieden zusammenströmen zu sehen, im Lichte Gottes, und Schwerter werden umgeschmiedet zu Pflugscharen und keiner wird hinfort mehr lernen, Krieg zu führen. Die ausgedörrte Wüste und die ausgezehrte Welt erblühen zu sehen am frischen Wasser und den Löwen friedlich neben dem Lamm: Diese großen Visionen der Propheten werden kraftlos in den Menschen und verblassen.
Es wird kein Christus wieder kommen, der sie wahr machen wird. Das prophetische Wort löst sich auf in nichts, wie eine ausgeklügelte Fabel, wie ein leerer Mythos. Die Christinnen und Christen, an die der zweite Petrus-Brief gerichtet ist, geben die Welt auf. Sie verabschieden sich von der Hoffnung auf ein Heil der Welt. Nicht aber von der Hoffnung auf ein Heil für sich selbst. Für sich persönlich halten sie an Jesus Christus fest. Aber aus dem Christus, der einst mit aller Vollmacht Gottes wieder kommen wird für die ganze Welt, wird ein Christus, der ihnen die Tür öffnet aus dem Jammertal dieser Welt in sein Licht. Er wird nicht zum Ausweg für die Welt, sondern aus der Welt, über der kein Licht mehr aufgehen wird.
Ich würde sie gerne fragen können, ob sie das traurig machte. Ob sie dagegen aufbegehrt haben. Ob sie mit Gott um diese Welt gerungen haben, die er in ihren Augen aufgegeben hat. Die polemischen Zeilen des Petrus-Briefes lassen eher vermuten, dass sie sich allzu bereit mit der Vorstellung zufrieden gegeben haben, für sich persönlich Frieden und Erlösung zu finden.
Das persönliche Verhältnis zu Jesus Christus wird zum Refugium, in das man sich retten kann vor den Stürmen und vor der Dunkelheit der Welt, vor der Verwirrung und dem Schmerz. Zum Refugium, wo man für sich persönlich inneren Halt finden möchte, Meditation, Frieden. Wer wollte die Christen von damals damit einfach in eine Ecke stellen? Die Sehnsucht nach einem religiösen Refugium wächst mehr denn je. Auch in unseren Gemeinden. Wie oft höre ich das - und denke es selbst: Die Welt ist furchtbar kompliziert geworden, viele Entwicklungen scheinen gar nicht mehr steuerbar für Vernunft und Verstand. Das Internet macht die Welt klein und zugleich rast es uns davon und droht uns zu entgleiten. Weltweite wirtschaftliche Interessen scheinen immer mehr eigene Gesetze durchzusetzen. Hassausbrüche und Krisenherde scheinen nicht mehr kontrollierbar. Eltern stehen hilflos vor ihren eigenen Kindern. Persönliche Lebensperspektiven sind immer öfter unübersehbar, unsicher und unstet.
In unserem Gemeindehaus gibt es ein relativ großes Familienbildungsangebot. Ich nehme wahr, wie sich seit Jahren in den Angeboten Vokabeln häufen wie Entspannungshilfen, Harmonisierung von Geist, Körper und Seele, wieder zu sich finden, zur eigenen Mitte und inneren Ruhe. Wo das alles im politischen und gesellschaftlichen Geschehen nicht mehr erreichbar scheint, sehnt man sich wenigstens nach dem persönlichen Refugium, nach persönlichen Lösungen, auch im Glauben. Für uns selbst soll es gut werden. Dagegen wendet der Verfasser des zweiten Petrus-Briefes nichts ein. Aber er fragt uns, wo wir mit der Sehnsucht nach einem Refugium die Welt aufgeben.
Alles wird gut! Davon will er nicht ein Quäntchen preisgeben. Nicht von ungefähr spricht er seine Gemeinde an als der Petrus, der den eigenen Tod vor Augen sieht: „... ich weiß, dass ich meine Hütte bald verlassen muss.“ Petrus war von Jesus der Märtyrertod angekündigt worden. Aber wofür denn lohnt es sich, das Leben einzusetzen, wenn die Welt verloren ist? Wem der Tod ernsthaft so nahe kommt, fragt wohl ganz anders nach der Macht Jesu Christi in dieser Welt. Kann ich glauben, dass der Sohn Gottes mich in meinem Tod mit seinen Armen auffängt, aber die Welt lässt er fallen?
Wer sich das Sterben und den Tod in der Welt nahe gehen lässt, dem wird die Vorstellung nicht reichen, persönlich eine Tür aus dem Dunkel zu finden. Was ist denn mit dem Seufzen der Schöpfung? Was ist mit all dem Leben, über dem Gott gesprochen hat: Es war sehr gut!? Was wird mit den ungezählten Tränen, die Gott doch versprochen hat, in seinen Krug zu sammeln?
Vielleicht merken wir dem zweiten Petrus-Brief an, dass er hier mit Menschen spricht, die nicht Juden sind. Sie sind nicht aufgewachsen mit dem Lob der Schöpfung Israels, mit den Geschichten seiner Treue über lange, schwere Strecken, Geschichten, die seinem Volk sagen: Diese Welt ist die große Liebe Gottes. Eine schmerzhafte Liebe - aber wie könnte Gott sie aufgeben, verloren geben?
In der Rolle des Petrus, des engen Jüngers Jesu, will der Verfasser des Briefes seinen Glaubensgeschwistern zum Zeugen für die Liebe Gottes zur Welt werden. Und so nimmt er sie mit dahin, wo diese Liebe sich erwiesen hat. Er nimmt sie mit auf den Berg, auf dem Gott sichtbar und hörbar seine ganze Herrlichkeit unlösbar mit Jesus verbunden hat. Auch wir dürfen uns an die Hand genommen fühlen, mit auf diesen Berg zu gehen. Die Stimme zu hören, die uns sagt: In diesem Gesicht wende ich euch meine ganze Treue und Liebe zu, meine Macht, mit der ich die Welt ins Leben rief, im Gesicht Jesu.
Nur wenige Andeutungen der Geschichte, die wir als Lesung (Matthäus 17, 1-9) gehört haben, genügen. Die Angeredeten kennen diese Vision, verbürgt durch die hohe Autorität des Apostels Petrus. Und sie wird eine große Rolle für sie gespielt haben, der Christus als Lichtgestalt, durch den auch ihnen der Weg in das Licht offen steht, der Weg aus dem Tal der Welt auf den Berg Gottes.
Aber sie wissen auch, was in den Andeutungen nicht vorkommt. Als Petrus damals Jesus ganz in das Licht und die Herrlichkeit Gottes getaucht sah, da wollte er Hütten bauen, um dort zu bleiben. Ein Refugium für seine eigene Sehnsucht, den Dunkelheiten der Welt zu entkommen, wo es ihn nicht mehr verstören musste, dass Jesus seinen baldigen Tod am Kreuz angekündigt hatte. Wie gerne hätte er selbst diese persönliche Lichterfahrung festgehalten. Für ihn war dort alles gut.
Doch der Weg führte mit Jesus wieder hinunter, in das Tal. Er führte zu einem verzweifelten Vater mit seinem schwerkranken Sohn. Er führte die Jünger in die Erfahrung, wie ihr eigener Glaube versagte, Vater und Sohn zu helfen. Vom Licht auf dem Berg führte der Weg herab in die Not und die Dunkelheit und schließlich zum Kreuz. Dahin geht die ganze Herrlichkeit Gottes, seine Treue und Liebe.
Wenn Sie diese Lesung im Ohr haben, mag Ihnen aufgefallen sein, dass der zweite Petrus-Brief das Licht auf dem Berge allerdings gar nicht erwähnt. Nur die Stimme, die Stimme, die Jesus als den geliebten Sohn Gottes ausweist: „Auf den sollt ihr hören!“
Menschen, die das innere Licht, die innere Mitte und Harmonie und Erleuchtung suchen, werden auf die Stimme verwiesen, auf das Wort, das nicht in ihnen selbst zu finden ist, sondern von Gott zu ihnen kommt und von den menschlichen Zeugen des Geschehens. Behutsam weist uns der späte Petrus darauf hin, dass die Suche nach dem inneren Licht und Frieden, nach dem Refugium in sich selbst, trügerisch sein kann. Welchen Weg soll ich, kann ich gehen? Finden werde ich das nur im Hören auf Gottes Wort. Und wir werden erinnert an die Worte des 119. Psalms: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“.
„Jesus Christus ist das eine Wort Gottes“, so hält die theologische Erklärung von Barmen uns vor Augen. Und dieses Wort geht vom Berg wieder in das Tal, in die verlorene Welt, seinen Jüngern und Nachfolgerinnen voran.
„Nichts hat sich verändert!“ Das ist nicht wahr, ist die Botschaft des zweiten Petrus-Briefes.
Und er hätte gewiss zu den Worten des Liedes von Jochen Klepper greifen können:
„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.“
Jesus selbst geht mit uns und geht mit uns dem Morgen entgegen, der über aller Welt anbrechen soll.
Jesus gibt uns die prophetischen Verheißungen zurück, die wir in der Gefahr sind, aufzugeben. Er selbst setzt sie ins Recht. Er selbst ist der Beweis, dass Gott diese Welt nicht aufgeben KANN. Er selbst mit seinem Sterben und Auferstehen, ist unser Unterpfand, dass er wieder kommen wird. Wann und wie, das entzieht sich Menschenmaß und Zeitempfinden.
Bis dahin haben wir bei ihm gewiss auch ein Refugium. Ein Refugium freilich zur Stärkung. Eine Quelle der Kraft. Und das Licht, das den Weg weist. Stärkung, diese Welt zu lieben mit Gottes Augen. Den Schmerz und das Wirrwarr und die Dunkelheit zu sehen und auszuhalten an der Seite Jesu und nicht davor davon zu laufen, noch sie aufzugeben, unsere Welt. Kraft, das uns Mögliche zu tun, ohne die Rettung der Welt von uns selbst zu verlangen. Sein Licht, in dem diese Welt nicht als hoffnungsloser Fall erscheint, sondern als die Welt, in die er kommt und wiederkommen wird.
Wir müssen und dürfen uns das nicht nehmen lassen: ALLES wird gut. Nicht ein Quäntchen weniger. Nicht auf einem Fluchtweg. Nicht auf einem leichten Weg. Auf seinem Weg.
So baut uns der zweite Petrus-Brief nach meinem Empfinden eine Brücke zu dem Wort des Dichters und Kabarettisten Hanns-Dieter Hüsch, lädt uns ein, uns von seiner heiteren Gelassenheit und großen Freude anstecken zu lassen:
„Mit fester Freude
Lauf ich durch die Gegend
Mal durch die Stadt
Mal meinen Fluss entlang
Jesus kommt
Der Freund der Kinder und Tiere
Ich gehe völlig anders
Ich grüße freundlich
Möchte alle Welt berühren
Mach dich fein
Jesus kommt
Schmücke dein Gesicht
Schmücke dein Haus und deinen Garten
Mein Herz schlägt ungemein
Macht Sprünge
Mein Auge lacht und färbt sich voll
Mit Glück
Jesus kommt
Alles wird gut“
(Hanns Dieter Hüsch, Dezemberpsalm)
Amen.