Liebe Gemeinde,
wir haben heute hoffentlich alle Geschenke bekommen und Geschenke gemacht. Als Weihnachtsgeschenke erinnern sie an das Geschenk, das Gott uns mit der Geburt Jesu gemacht hat, und ebenso an die Geschenke, die die Weisen aus dem Morgenland dem neu geborenen Kind gemacht haben. Unsere Weihnachtsgeschenke sind Erinnerung daran und Zeichen dafür.
Das Geschenk Gottes Jesus, das Mensch gewordene Gotteswort und die Geschenke der Weisen „Gold, Weihrauch und Myrrhe“ unterscheiden sich beträchtlich. Meistens unterscheiden sich auch die Geschenke, die wir einander machen. Wohl kommt es vor, dass zwei Leute einander das Gleiche schenken. Auch schenkt man manchmal ein Geschenk weiter, das man selbst bekommen hat. Das muss nicht peinlich sein. Peinlich ist aber, wenn ich etwas, das ich selbst geschenkt bekommen habe, der Person, die es mir geschenkt hat, zurückschenke.
Im Weihnachtslied von Paul Gerhardt passiert genau das.
„Ich komme, bring und schenke dir,
Was du mir hast gegeben.“
Aber peinlich ist es nicht. Es ist unvermeidlich. Mit Paulus von Tarsus gesagt: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ (1. Korinther 4,7). Der Dichter in seinem Gedicht, der Sänger in seinem Lied schenkt sich selbst als von Gott überreich Beschenkten Gott zurück. So auch wir: Wenn wir heute dieses Lied mitsingen, schenken wir uns selbst als von Gott überreich Beschenkte Gott zurück:
„Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
Und lass dir’s wohlgefallen.“
Reich beschenkt sind wir mit dem lieben Evangelium, wie Luther es genannt hat, mit dem, was es uns erzählt: „Es begab sich aber zu der Zeit …“; und was es uns zuspricht: „Euch ist heute der Heiland geboren“; und was es an uns wahr macht: sie „… priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und, wie denn zu ihnen gesagt war, gesehen hatten.“ Beschenkt sind wir mit dem lieben Evangelium, das uns Gottes Liebe ins Herz gießt. In Herz und Kreislauf:
„Du hast mit deiner Lieb erfüllt
Mein Adern und Geblüte“
In Herz und Sinn:
„Dein schöner Glanz, dein süßes Bild
Liegt mir ganz im Gemüte.“
Beschenkt sind wir mit dem lieben Evangelium, das eine jede und einen jeden einzelnen zu einem gewollten und bleibend geliebten Kind, zu einem Wunschkind Gottes erklärt:
„Da ich noch nicht geboren war,
Da bis du mir geboren
Und hast mich dir zu eigen gar,
Eh ich dich kannt, erkoren.“
Beschenkt sind wir mit dem lieben Evangelium, das die Rettung „aus Sünd und Tod“ uns erzählt und zuspricht und an uns wahr macht:
„Ich lag in tiefster Todesnacht,
Du warest meine Sonne,
Die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.“
So reich, liebe Gemeinde, hat Gott uns mit dem Jesuskind beschenkt, so reich beschenkt er uns heute.
Und wir schenken dem Mensch gewordenen, dem als Kind in die Krippe gelegten Gott uns selbst „Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin“ , indem wir das Lied mitsingen. Denn wenn Paul Gerhardt dichtet: „Ich komme, bring und schenke dir“, dann gelten ihm das Gedicht und sein Gesang als die geistliche Übung, in er sich selbst und wir uns mit ihm dem Kind in der Krippe hingibt. Anders gesungen:
„Die besten Güter sind unsre Gemüter;
dankbare Lieder sind Weihrauch und Widder,
an welchen er sich am meisten ergötzt.“
Ja, „lass dir’s wohlgefallen.“
Nach geläufigen Maßstäben sind das ins liebe Evangelium gewickelte Gotteskind und unser Gesang, dieser Archetyp von Weihnachtsgeschenken, überflüssig. Sie steigern weder Bilanzen noch Konjunktur. Neulich war zu lesen, dass auf Einkaufstaschen niemals das Christkind, aber in tausend Variationen der Weihnachtsmann aufgedruckt ist. Das Christkind, vom Christuskind ganz zu schweigen, kann man im Weihnachtsgeschäft nicht brauchen. Es ist nutzlos und überflüssig, vielleicht sogar störend.
Die geläufigen Maßstäbe prägen auch uns. Wir freuen uns über nützliche, schöne und teure Geschenke, über Gaben von Wert und gutem Geschmack. Wir kriegen sie gern und machen sie gern. Wir freuen uns über die Liebe, die Menschen mit solchen Geschenken ausdrücken, über die Ehre, die sie uns damit erweisen und wir ihnen umgekehrt auch. Und wir vermissen etwas, wenn ein Geschenk, materiell oder ideell, hinter der Bedeutung, die Menschen eigentlich füreinander haben, zurückbleibt. Wen man liebt, dem schenkt man kein’ Schrott.
Die geläufigen Maßstäbe prägen auch den Dichter.
„Für edle Kinder großer Herrn
Gehören güldne Wiegen.
Ach, Heu und Stroh ist viel zu schlecht,
Samt, Seide, Purpur wären recht,
Dies Kindlein drauf zu legen.
Nehmt weg das Stroh,
nehmt weg das Heu,
Ich will mir Blumen holen,
Dass meines Heilands Lager sei
Auf lieblichen Violen.
Mit Rosen, Nelken,Rosmarin
Aus schönen Gärten will ich ihn
Von obenher bestreuen.
Zur Seiten will ich hier und dar
Viel weißer Lilien stecken,
Die sollen seiner Äuglein Paar
Im Schlafe sanft bedecken ...“
Es ist doch Gottes, des Königs aller Könige, Sohn, der hier als Heiland zur Welt gekommen ist! Für ihn wäre das Kostbarste gerade gut genug, kostbares Gold, teure Stoffe, edle Blumen.
Aber mit seiner Geburt im Stall setzt Gott die geläufigen Maßstäbe für sich außer Kraft:
„Doch liebt viel mehr das dürre Gras
Dies Kindelein, als alles das,Was ich hier nenn und denke.“
Ganz zum Schluss melden sich diese geläufigen Maßstäbe noch einmal:
„Zwar sollt ich denken, wie gering
Ich dich bewirten werde.Du bist der Schöpfer aller Ding,
Ich bin nur Staub und Erde.“
Aber:
„Doch bist du so ein frommer Gast,
Dass du noch nie verschmähet hast
Den, der dich gerne siehet.“
Gott kein anstrengender Besuch, sondern ein gern gesehener Gast.
Aber was heißt hier „gerne sehen“?
„Ich sehe dich mit Freuden an
Und kann mich nicht satt sehen …
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
Und meine Seel ein weites Meer,
Dass ich dich möchte fassen.“
So anfassbar sich der „Schöpfer aller Ding“ in dem Kind in der Krippe macht, so unfassbar bleibt für den menschlichen Geist dieses Geheimnis. Die Sprache der Mystik weist darauf hin: „mein Sinn ein Abgrund“, „meine Seel ein weites Meer“.
Bei Paul Gerhardt verschmelzen, so heißt es mit Recht, Dogmatik und Mystik. Zwei Kernsätze reformatorisch-katholischer Dogmatik, etwas gekürzt: „Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin …“ Und: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich … erlöset hat … damit ich sein eigen sei …“
„… und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren“, nimmt Gerhardt dieses reformatorisch-katholische Werkstück zur Hand und schmiedet es um oder schmilzt es ein und gießt es um in mystische Form:
„Da hast du schon bei dir bedacht,
Wie du mein wolltest werden.“
„Ich dein du mein“, dieser Inbegriff mystischer Vereinigung, begegnet in dem Lied als weihnachtliche Poesie:
„So lass mich doch dein Kripplein sein;
Komm, komm und lege bei mir ein
Dich und all deine Freuden.“
Die Mystik hat etwas Verrücktes. Das Großartige äußert sich naiv. Die Nativität Gottes braucht vielleicht und verträgt allemal die Naivität der Dichtung. „Jesulein“ und „Herzelein“, „Mündlein“, „Händlein“, „Äuglein“. Das ist nicht etwa bigottes Geturtel!
Des Gotteskindes „Mündlein“ ist der von allen irdischen Quellen kategorial verschiedene Lebensquell und zwar durch das, was es spricht:
„Ich bin dein Freund,
Ein Tilger deiner Sünden!
Was trauerst du, mein Brüderlein?
Du sollst ja guter Dinge sein,
Ich zahle deine Schulden.“
Dieses Mündlein küssen wollen, heißt aus dieser Quelle trinken wollen, bedeutet die Sehnsucht, bei Gott ewig zu leben.
Des Gotteskindes „Händlein“ weißer als Schnee und Milch bezeichnen eine auf Erden verlorene und unwiederbringliche Reinheit und zugleich die Gabe, die „dies Kindlein mir Anlachende zureichet“, nämlich die Vergebung aller meiner Sünden.
Aus des Gotteskindes „Äuglein“ „viel schöner“ als voller Mond und „güldner Sternen Schar“ glänzt ein in der ganzen geschaffenen Welt unerreichter Glanz, in den sie mich, weil sie „unverwandt nach mir gerichtet stehen“, hineinziehen.
„Mündlein“, „Händlein“, „Äuglein“: Paul Gerhardt sieht mit inneren Auge und zeigt unserem inneren Auge, dass in diesem Kind, das uns rührt und freut und beseligt, Gott selbst zur Welt gekommen ist, um uns Leben, Reinheit, Herrlichkeit zu schenken.
„Komm, komm und lege bei mir ein
Dich und all deine Freuden.“
In uns eingelegt, wird sein Mündlein nicht still stehen, werden die Händlein sich regen und die Äuglein umherblicken. In uns redend, spricht sein Mündlein durch unsere Münder Worte des Lebens: lebensdienliches, zum Leben einladendes, Leben förderndes Singen und Sagen. In uns regsam, reichen seine Händlein durch unsere Hände Mittel zum Leben dar: Brot für die Welt wie das Brot der Eucharistie. In uns wach blicken seine Äuglein durch unsere Augen Glanz in die Dunkelheit hinein, Klarheit in die Verwirrung und in alle Angst und Furcht: die Seligkeit.
Amen.