Predigt

Copyright Kantorei Barmen-Gemarke e.V
24. Dezember 2006
Christnacht
Pfarrer Dr. Martin Evang, Wuppertal

Predigt über Lukas 2, 1-20
Die Weihnachtsgeschichte

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.


Liebe Gemeinde,

„von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig“: So kommt, nach dem Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, der Bräutigam zu Jerusalem (Evangelisches Gesangbuch 147,2). „Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig“: Der Glanz des zweiten Advents, der Wiederkunft Jesu und der Vollendung des Heils; der Glanz des zweiten Advents ist aber auch die heimliche Signatur schon seines ersten Advents, von dem wir eben gesungen und gesagt haben und den wir heute feiern.

„Stark“ und „mächtig“: Das sind ja erst einmal die Attribute des Kaisers Augustus, dessen Gebot die Weihnachtsgeschichte auslöst. „… dass alle Welt geschätzt würde“: Ein umfassender Machtanspruch steckt in diesem Erlass. Menschen werden registriert und nummeriert, werden summiert und subsumiert, werden taxiert und klassifiziert. Im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung und auch der informationellen Universalisierung – Chip, chip hurra! – haben wir ein neues Gespür entwickelt für die Gefahren solcher Macht, die zentral gesteuert und effizient organisiert ist: „ … zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war“; ein neues Gespür für die Gefahren einer nach Zeit und Reichweite unbegrenzten Macht, der sich niemand und nichts entziehen kann: „ … und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.“

Lukas hebt die Gefahren solcher Stärke und Macht, die sich äußerlich durchaus mit Frieden und Wohlstand (damals „Pax Romana“ genannt) verbinden kann, nicht eigens hervor. Er kennt diese Gefahren bis hin zur Vergöttlichung des Kaisers. Aber an einer offenen Konfrontation ist ihm nicht gelegen, auch nicht in seiner Weihnachtsgeschichte. Vielleicht ist es aber für uns, die wir oft die Mühseligkeit und Strittigkeit des politischen Tagesgeschäfts beklagen, ein guter weihnachtlicher Gedanke, dass diese Mühseligkeit und Strittigkeit ein angemessener Preis dafür sind, dass Macht in unserem politischen System geteilt, dass sie begrenzt, auf Zeit verliehen und immer wieder gezwungen ist, sich von der Frage nach Recht und einer größeren Gerechtigkeit behelligen zu lassen. Geteilte Gewalt, Demokratie, ist zwar anstrengender, aber allemal bekömmlicher als Diktatur.

Nach der Erzählung des Lukas setzt der globale Erlass des Kaisers unter den ungezählten vielen auch den einen Joseph in Bewegung: „Da machte sich auf auch Joseph …“. Er begibt sich vom galiläischen No-Name-Ort Nazareth – „was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ heißt es an anderer Stelle in der Bibel abschätzig – nach Bethlehem, wahrlich kein No-Name-Ort, sondern eine Stadt der Erinnerung an bessere frühere Zeiten und einer Sehnsucht nach einer besseren Zukunft. „Stadt Davids“, Quellort von Nostalgie und Utopie, Ort der Wehmut, dass doch einmal alles besser, ja gut, sogar sehr gut war, und Ort der Hoffnung, dass es doch alles einmal wieder besser, ja gut, dass alles gut werde.

Von diesem winzigen Einzelfall, den Rom da mit in Bewegung gesetzt hat, ahnt Rom nichts. Davon ahnt auch Jerusalem nichts. Die heimliche Regie, die sich nach der Erzählung des Lukas auch im Regierungshandeln des obersten Regenten betätigt, setzt früher und tiefer an: nicht an einem Zielpunkt, sondern an einem Ausgangspunkt, nicht in der Residenz, sondern in der Provinz, nicht im Palast, sondern in einer Absteige.

„… und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Den Kontrast zu Stärke und Macht kann man kaum schärfer zeichnen. Aber genau dies, ein Wickelkind, Sinnbild vollständiger Bedürftigkeit und Angewiesenheit, und das Krippenbettchen, Sinnbild des absolut Provisorischen, wird zum Zeichen der Macht und Stärke, mit der Gott auf seine Welt und in seine Welt eingeht: „von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig“. Nicht anders stark als „von Gnaden“, nicht anders mächtig als „von Wahrheit“.

Von diesem Anfang her ist der guten Botschaft, dass Gott sich in Jesus Christus um seine Welt bekümmert, etwas Erwartungswidriges eingepflanzt: Gott setzt sehr weit draußen und sehr tief unten an. „… alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede“, heißt es deshalb später in der Weihnachtsgeschichte; es ist für alle Zeit gültig geblieben.

Die Hirten sind wahrlich ein passendes Publikum für Gottes eigenartiges Tun. Einerseits haben sie teil an der heimlichen Symbolik Bethlehems als Ort von Nostalgie und Utopie; aus ihren Kreisen stammte, tausend Jahre liegt das zurück, David. Andererseits leben sie quer zur Mainstream-Kultur: Das Freie ist ihre Behausung, und in der Nacht sind sie wach. In ihrem Raum, „auf dem Felde“, und in ihrer Zeit, „des Nachts“, leben sie befremdlich, den Tieren näher als anderen Menschen – und vom Kaiser denkbar weit entfernt.

Ihnen wird nun „vom Himmel prächtig“ das Geschehen angezeigt. Die Szene lebt wieder von ihren Kontrasten: Die „Klarheit des Herrn“ hat „des Nachts“ etwas zu Tode Erschreckendes, aber der „großen Furcht“ wird auch „große Freude“ entgegengestellt: „... große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Was mag Lukas gedacht haben, welche Vorstellungen die Titel Heiland, Christus und Herr bei den Hirten hervorriefen? Und was sich seine Leserinnen und Leser seiner Zeit darunter vorstellten? Und was sollen wir uns darunter vorstellen? Etwa die staatliche Wiedererstehung Israels unter der politischen Führung des davidischen Königs, die Beendigung der Besatzung, die Unabhängigkeit von Rom, die nationale Souveränität? Oder auch die religiöse Einigung des Judentums, die Sammlung der verstreuten Judenheit im verheißenen Land unter der priesterlichen Führung eines Messias? oder auch die Hinkehr der Völker zu dem Gott Israels? Oder sogar die wunderbare Wiedergewinnung des Schöpfungsfriedens, das Ende allen Unrechts, aller Gewalt, die Versöhnung aller, die sich feind sind, die Überwindung von Krankheit und Tod, ein neuer Himmel und eine neue Erde?

„Der Heiland, welcher ist Christus, der Herr“: Die Hoffnung, dass wieder heil und gut wird, was Gott einst, als er es ansah, „sehr gut“ geheißen hatte, hat sich von Anfang an in verschiedenen Reichweiten und Vorstellungen an den, der den Hirten verkündet wurde, geknüpft. „Der Heil und Leben mit sich bringt“, besingen wir ihn im Adventslied, und „Heil und Leben“ haben viele Facetten, die nicht gegeneinander ausgespielt werden können, sondern einander ergänzen und überlagern, bestärken, befragen und herausfordern:  BROT FÜR DIE WELT und Weihnachtsoratorium, Zuspruch des ewigen Lebens am Grab und politisch-diakonischer Einsatz gegen Armut und Ausgrenzung, für Gerechtigkeit und Frieden.

„Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, das ist die Perspektive, die der Himmel der Erde mit der Geburt des Kindes eröffnet. Kommen aus kaiserlicher Sicht die Menschen als Objekte der Administration in den Blick, so aus himmlischer Perspektive als Empfänger des göttlichen Wohlwollens: Gott hat sein Herz – „bona voluntas“ – an die Menschen verschenkt. „Friede“, das alte Wort Schalom, sagt alles, und indem es alles sagt, sagt es ungezählt vieles Einzelne, worin Menschen Heil und Leben erfahren und empfangen, in Zeit und Ewigkeit.

„Friede auf Erden“ proklamiert „die Menge der himmlischen Heerscharen“ in „himmlischem Schall“ – denn in diesen Sphären und Kreisen werden keine militärischen, sondern musikalische Instrumente bedient, und es wird nicht militärisch knapp kommandiert und pariert, sondern zusammen gesungen und gespielt; also „Friede auf Erden“ proklamiert das himmlische Heer, tut das aber in einem Atemzug mit der Lobpreisung Gottes „in der Höhe“, eigentlich „in höchsten Höhen“. Den Hirten, als sie alles so, wie „denn zu ihnen gesagt war“, vorgefunden hatten, als sie wieder in ihr Leben und an ihre Arbeit „in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden“ zurückkehrten, wich diese Lobpreisung Gottes nicht mehr von den Lippen, oder: Diese Lobpreisung stimmten sie – und mit ihnen „alle, vor die es kam“ – immer von neuem an, bis auf den heutigen Tag: „Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis“.

Sie „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und – wie denn zu ihnen gesagt war – gesehen hatten“: Botschaft braucht Bewahrheitung. Die Hirten fanden das gewickelte Kind in der Krippe. Siehe da, der himmlische Bote hatte die Wahrheit gesagt! Erfüllt von der Wahrheit der Botschaft, werden die Hirten nun selber zu Boten: Sie „breiteten das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ Waren die Hirten von dem Engel und von der „Klarheit des Herrn“, in der er zu ihnen trat, zu Tode erschrocken, so jetzt die Menschen, „vor die es kam“, perplex: Sie „wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten“. Ja was denn sonst? Denn jetzt kommt die Kunde nicht mehr vom Himmel, sondern von Hirten (auf Lateinisch Pastoren), d.h. von Menschen, die nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Umso mehr braucht die Botschaft Bewahrheitung, soll aus Verwunderung Vertrauen werden, aus Argwohn Glauben. Lukas weiß einen Rat, wie es dazu kommen kann: Mach’s wie Maria; sie nämlich „behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Behalte sie, die Worte der Botschaft, merk sie dir „by heart“, bewahre und bewege sie, beziehe sie auf dich, wie Du dich erfährst, auf deine Welt, wie sie dir erscheint und begegnet, auf Gott, wie du ihn gefunden und verloren, wie du ihn in deinem Glauben und deinem Zweifel hast. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“: Diese Worte behalte und bewege in deinem Herzen.

„Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig“ ist die heimliche Signatur schon des ersten Advents Jesus Christi und der Botschaft, die davon kündet. Die Stärke der Gnade ist nach vielen menschlichen Erfahrungen fragil, und ebenso erweist sich die Macht der Wahrheit oft genug als ohnmächtig. Es gibt Darstellungen, da ist ein Kreuz über die Krippe gemalt, und einige Verse später im Lukasevangelium wird der greise Simeon Maria eine dunkle Andeutung machen: „Ein Schwert wird durch deine Seele dringen“. Darin reflektieren sich die Schwäche der Stärke der Gnade und die Ohnmacht der Macht der Wahrheit. Aber anders als mit Gnade und Wahrheit wollte Gott nicht auf und in unsere Welt eingehen. Und will es weiter nicht. Nur so. Aber so will er in unseren Herzen neu einziehen und wohnen. So, „von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig“, will er durch unser Singen und Sagen zu Wort kommen und will er durch unser Leben mindestens kleine Wunder tun.


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