Liebe Gemeinde,
„Sieben
Wochen ohne.“ Sieben Wochen ohne Alkohol. Sieben Wochen ohne
Schokolade. Sieben Wochen ohne Fernsehen. Nicht wenige Menschen, darunter
auch mehr und mehr evangelische, haben sich für die begonnene
Passionszeit Verzicht verordnet. Ich selbst gehöre dazu. Ich
habe mir vorgenommen, bis Ostern auf das geliebte Glas Rotwein am
Abend zu verzichten. Damit will ich nicht meinen starken Willen demonstrieren.
Ich bin nämlich angesichts vieler Einladungen in den nächsten
Wochen keineswegs sicher, ob ich das durchhalte. Auf keinen Fall will
ich längst überwundene Speisegebote aus der Mottenkiste
der Frömmigkeitsgeschichte holen. Martin Luther hat uns evangelischen
Christen ins Stammbuch geschrieben: „Ein Christenmensch ist
ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan.“ Nein, der
Verzicht soll dazu dienen, religiös einen klaren Kopf zu kriegen.
Lieb gewordene Gewohnheiten für begrenzte Zeit zu unterbrechen,
das hilft, die zentralen, die existentiellen Fragen des Lebens neu
zu stellen und zu beantworten: Wovon lebe ich eigentlich? Wes Geistes
Kind bin ich? Wer oder was leitet mein Denken, Tun und Fühlen?
Und alle diese Fragen münden in die eine: Wie steht es um mein
Verhältnis zu Gott?
Wie
steht es um mein Verhältnis zu Gott? Bei der Antwort auf diese
Frage hilft uns die Geschichte von der Versuchung Jesu, die wir soeben
gehört haben und die im Matthäusevangelium den Beginn der
Wirksamkeit Jesu markiert. Die Erzählung führt uns drastisch
vor Augen, wodurch unser Verhältnis zu Gott gefährdet wird.
Schauen wir genauer hin.
Vierzig Tage und Nächte lang fastet Jesus in der Wüste.
Er ist sehr hungrig. Da hört er den Versucher: „Sprich,
dass diese Steine Brot werden! Du kannst das doch. Stell dir nur vor,
was diese Tat für dich bedeuten wird. Unabhängig wirst du
sein. Nie wieder bedürftig, nie wieder auf irgendjemanden angewiesen.
Nicht einmal auf Gott. Die Bitte „Unser tägliches Brot
gib uns heute“ kannst du aus dem Vaterunser streichen. Eigentlich
kannst du sogar das ganze Gebet vergessen. Du bist dein eigener Herr.
Das muss dich doch reizen. Außerdem würdest du zum Wohltäter
der Menschheit. Kein Kind auf der Welt müsste mehr vor Hunger
weinen, alle – Kinder und Erwachsene - hätten genug zu
essen.“
„Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Die Versuchung,
sich von Gott unabhängig zu machen, ist groß. Nie mehr
bedürftig, auf niemanden angewiesen sein, wer von uns wünschte
sich das nicht?
Besonders groß ist die Versuchung, sich von Gott unabhängig
zu machen, auf dem schwierigen Feld der Biotechnologie. Wir Menschen
sind technisch in der Lage, die Baupläne von Lebewesen, also
von Geschöpfen Gottes, dauerhaft zu verändern. Davon erhoffen
wir höhere Lebensqualität und höhere Lebensdauer. Aber
dürfen wir das? Wird durch einen Eingriff in Gottes Schöpfung
womöglich unser Verhältnis zum Schöpfer gefährdet?
Ist die Veränderung von Erbgut durch Gentechnik der Versuch,
uns von Gott unabhängig zu machen, uns an seine Stelle zu setzen?
Gewiss, da ist die Hoffnung, durch gentechnische Manipulationen Krankheiten
zu heilen und den Hunger in der Welt zu lindern, aber rechtfertigt
diese im Übrigen vage Aussicht den Eingriff in Gottes Pläne?
Schwierige Fragen sind das, auf die es einfache Antworten nicht gibt.
Aber wer sagt denn, dass es einfach ist, einer großen Versuchung
zu widerstehen?
Jesus weist die erste Versuchung, die Versuchung, sich von Gott unabgängig
zu machen, mit einem Bibelwort zurück. Der Versucher aber lässt
nicht locker. Er stellt Jesus auf das Dach des Tempels in Jerusalem
und fordert ihn auf, sich hinunter zu stürzen. „Wirf dich
hinab! Dir kann nichts geschehen. Das steht doch in der Bibel. In
einem Psalm heißt es, dass Gottes Engel dich auf den Händen
tragen. Nun kannst du beweisen, dass die Bibel Gottes Wort ist und
dass Gott tut, was er sagt. Das wird dir großes Ansehen verschaffen
unter den Menschen, die nach Gott fragen und es wird denen helfen,
die an Gott zweifeln.“
Auch diese zweite Versuchung ist groß. Es ist die Versuchung,
die Wahrheit der Heiligen Schrift zu beweisen. Wer von uns wollte
nicht sicher wissen, dass alles, was da aufgeschrieben ist, stimmt?
Dann wüssten wir sicher auch über Gott Bescheid. Sein Handeln
wäre berechenbar, und wir könnten zuverlässig vorhersagen,
was Gott in welcher Situation tun wird. Vermutlich wäre das auch
missionarisch von großem Vorteil. Die Menschen würden sehen,
dass es sich lohnt sich zu Gott zu halten und die Kirchen füllen.
Für die zweite Versuchung sind besonders wir evangelischen Christen
äußerst anfällig. Wir gründen ja unseren Glauben
allein auf die Heilige Schrift und erkennen in ihr Gottes Wort. Da
liegt die Versuchung nahe, einzelne Passagen aus ihrem textlichen
und historischen Zusammenhang zu reißen und zu behaupten: Genau
so wie es hier geschrieben steht, wird Gott heute und morgen handeln.
Aber hätten wir dann nicht aus der Bibel ein Beweisbuch, aus
der frohen Botschaft eine Garantieerklärung gemacht? Würden
wir damit nicht Gott in seiner Freiheit einschränken und nicht
mehr Gott sein lassen? Würden wir uns nicht Gottes bemächtigen
statt ihm zu vertrauen? Was aber bedeutet es dann, dass er uns sein
Wort gegeben hat und dass wir dieses Wort in den Texten der Heiligen
Schrift finden? Auch hier – schwierige Fragen. Fragen, um die
wir uns aber nicht drücken dürfen. Unser Verhältnis
zu Gott darf nicht dadurch verdorben werden, dass wir ihn zu beweisen
und zu berechnen versuchen – auch nicht mit Hilfe der Bibel.
Der Versucher bleibt hartnäckig. Nachdem es ihm zweimal nicht
gelungen ist, das Verhältnis Jesu zu Gott zu korrumpieren, führt
er ihn auf einen hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche und Güter
der Welt. „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst
und mich anbetest. Denk nur, was für Möglichkeiten du dann
hast. Wenn die ganze Welt dir gehört, dann kannst du sie nach
deinen Vorstellungen gestalten. Dann hast du die Macht, Frieden und
Gerechtigkeit durchzusetzen. Gewalt und Hunger werden nicht mehr sein.
Alle Welt wird dir die Ehre geben!“
Auch die dritte Versuchung ist groß. Wer von uns sehnte sich
nicht danach, Macht zu haben. Macht, die Geschicke der Welt zum Guten
zu wenden, die Völker zu befrieden und dem Mangel der Armen abzuhelfen.
Wer von uns würde nicht gern die Fäden in die Hand nehmen,
auf dass die Tränen abgewischt, der Tod entmachtet und Leid,
Geschrei und Schmerz ausgelöscht würden? Wer von uns würde
nicht gerne die Rolle des Weltenlenkers übernehmen – wenigstens
so lange, bis Friede und Gerechtigkeit herrschen.
Besonders anfällig sind für die dritte Versuchung jene Menschen,
die politische Verantwortung tragen. Vor fünf Jahren begannen
die Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg gegen den Irak. Ziel
war es, den Diktator Saddam Hussein zu stürzen und aus dem Irak
eine Demokratie zu machen. Das erste Ziel wurde erreicht, das zweite
nicht. Im Gegenteil: Täglich werden im Irak unschuldige Menschen
von Bomben zerfetzt und das Land ist weit entfernt von einer rechtsstaatlichen
Ordnung. Tausende von Soldaten haben ihr Leben verloren. Es ist deutlich:
Die, die den Irak angriffen, haben sich schuldig gemacht. - Was jedoch
für den Irak klar ist, liegt für Afghanistan im Dunkeln.
Die deutsche Regierung wird im Sommer eine Kampfeinheit in den Norden
des Landes schicken; andere Verbände sind schon seit Jahren dort.
Maßen wir uns damit Macht über ein anderes Volk an und
beanspruchen ein Recht, das allein Gott zusteht? Oder tun wir im Gegenteil
damit Gottes Willen, indem wir dazu helfen, dass in diesem geschundenen
Land wieder Frieden wachsen kann? Auch diese Fragen sind nicht einfach
zu beantworten, aber so ist das mit den Versuchungen. Sie stürzen
uns in Gewissenskonflikte und Glaubenskrisen.
Jesus widersteht allen drei Versuchungen. Er widersteht der Versuchung,
sich von Gott unabhängig zu machen. Er widersteht der Versuchung,
Gott seiner Freiheit zu berauben und ihn in die Worte der Heiligen
Schrift einzusperren. Und er widersteht der Versuchung, sich Gottes
Weltherrschaft anzueignen. So achtet er Gottes Gottheit und gibt ihm
die Ehre.
Darauf, liebe Schwestern und Brüder, kommt es auch für uns
an: dass wir der Versuchung widerstehen, sein zu wollen wie Gott;
dass wir allein auf Gott vertrauen und ihm die Ehre geben. Dass das
alles andere als leicht ist, haben wir uns klar gemacht. Mehr noch:
Wenn wir in unserem Leben daran festhalten, dass Gott allein der Herr
ist, dann wird uns das vielleicht ins Leiden, äußerstenfalls
sogar in den Tod führen. Jesus ist uns auch auf diesem Weg vorangegangen.
In den kommenden Wochen werden wir uns seines Leidensweges erinnern.
Des Weges, den er gehen musste, weil er den Versuchungen widerstand
und Gott gehorsam war.
Doch der Weg Jesu ist nicht heillos. Das deutet sich ganz am Ende
der Versuchungsgeschichte an. Da heißt es: „Da verließ
ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“
Jesus wird seinen Lebens- und Leidensweg gehen und dennoch von Gott
behütet bleiben. Am Ostermorgen werden wir am leeren Grab den
Engeln wieder begegnen.
Der Weg Jesu ist nicht heillos, und der Weg, auf dem wir Gott gehorsam
sind, ist es auch nicht. Das haben unsere Väter und Mütter
im Glauben vor langer Zeit in ihrer Glaubenspraxis so zum Ausdruck
gebracht. In der Passionszeit fasteten sie, um ihr Verhältnis
zu Gott zu klären und den Gehorsam gegen Gott neu einzuüben.
An den Sonntagen aber wurde das Fasten unterbrochen, denn jeder Sonntag
ist ein kleines Osterfest, das uns daran erinnert: Der Weg, den wir
im Gehorsam gegen Gott gehen, führt in eine heilvolle Zukunft.
Mir leuchtet die Praxis unserer Väter und Mütter im Glauben
sehr ein und so freue ich mich in den kommenden Wochen zwar nicht
täglich, aber doch sonntäglich und also auch heute auf ein
gutes Glas Rotwein.