Predigt

Copyright Kantorei Barmen-Gemarke e.V
13. Februar 2008
Sonntag Invokavit
Pfarrer Martin Dutzmann, Detmold

Predigt über Matthäus 4,1-11

Die Versuchung Jesu
Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, auf daß er von dem Teufel versucht würde.
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleiden haben mit unsern Schwachheiten, sondern der versucht ist allenthalben gleichwie wir, doch ohne Sünde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und er war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte. Er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft derselben Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Berg Gottes Horeb. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten? Und er antwortete und sprach: Es steht geschrieben: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht." Da führte ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so laß dich hinab; denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: "Du sollst Gott, deinen HERRN, nicht versuchen." Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse? Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir Satan! denn es steht geschrieben: "Du sollst anbeten Gott, deinen HERRN, und ihm allein dienen." Da verließ ihn der Teufel; und siehe, da traten die Engel zu ihm und dienten ihm.


 


Liebe Gemeinde,

„Sieben Wochen ohne.“ Sieben Wochen ohne Alkohol. Sieben Wochen ohne Schokolade. Sieben Wochen ohne Fernsehen. Nicht wenige Menschen, darunter auch mehr und mehr evangelische, haben sich für die begonnene Passionszeit Verzicht verordnet. Ich selbst gehöre dazu. Ich habe mir vorgenommen, bis Ostern auf das geliebte Glas Rotwein am Abend zu verzichten. Damit will ich nicht meinen starken Willen demonstrieren. Ich bin nämlich angesichts vieler Einladungen in den nächsten Wochen keineswegs sicher, ob ich das durchhalte. Auf keinen Fall will ich längst überwundene Speisegebote aus der Mottenkiste der Frömmigkeitsgeschichte holen. Martin Luther hat uns evangelischen Christen ins Stammbuch geschrieben: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan.“ Nein, der Verzicht soll dazu dienen, religiös einen klaren Kopf zu kriegen. Lieb gewordene Gewohnheiten für begrenzte Zeit zu unterbrechen, das hilft, die zentralen, die existentiellen Fragen des Lebens neu zu stellen und zu beantworten: Wovon lebe ich eigentlich? Wes Geistes Kind bin ich? Wer oder was leitet mein Denken, Tun und Fühlen? Und alle diese Fragen münden in die eine: Wie steht es um mein Verhältnis zu Gott?

Wie steht es um mein Verhältnis zu Gott? Bei der Antwort auf diese Frage hilft uns die Geschichte von der Versuchung Jesu, die wir soeben gehört haben und die im Matthäusevangelium den Beginn der Wirksamkeit Jesu markiert. Die Erzählung führt uns drastisch vor Augen, wodurch unser Verhältnis zu Gott gefährdet wird. Schauen wir genauer hin.

Vierzig Tage und Nächte lang fastet Jesus in der Wüste. Er ist sehr hungrig. Da hört er den Versucher: „Sprich, dass diese Steine Brot werden! Du kannst das doch. Stell dir nur vor, was diese Tat für dich bedeuten wird. Unabhängig wirst du sein. Nie wieder bedürftig, nie wieder auf irgendjemanden angewiesen. Nicht einmal auf Gott. Die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ kannst du aus dem Vaterunser streichen. Eigentlich kannst du sogar das ganze Gebet vergessen. Du bist dein eigener Herr. Das muss dich doch reizen. Außerdem würdest du zum Wohltäter der Menschheit. Kein Kind auf der Welt müsste mehr vor Hunger weinen, alle – Kinder und Erwachsene - hätten genug zu essen.“

„Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Die Versuchung, sich von Gott unabhängig zu machen, ist groß. Nie mehr bedürftig, auf niemanden angewiesen sein, wer von uns wünschte sich das nicht?

Besonders groß ist die Versuchung, sich von Gott unabhängig zu machen, auf dem schwierigen Feld der Biotechnologie. Wir Menschen sind technisch in der Lage, die Baupläne von Lebewesen, also von Geschöpfen Gottes, dauerhaft zu verändern. Davon erhoffen wir höhere Lebensqualität und höhere Lebensdauer. Aber dürfen wir das? Wird durch einen Eingriff in Gottes Schöpfung womöglich unser Verhältnis zum Schöpfer gefährdet? Ist die Veränderung von Erbgut durch Gentechnik der Versuch, uns von Gott unabhängig zu machen, uns an seine Stelle zu setzen? Gewiss, da ist die Hoffnung, durch gentechnische Manipulationen Krankheiten zu heilen und den Hunger in der Welt zu lindern, aber rechtfertigt diese im Übrigen vage Aussicht den Eingriff in Gottes Pläne? Schwierige Fragen sind das, auf die es einfache Antworten nicht gibt. Aber wer sagt denn, dass es einfach ist, einer großen Versuchung zu widerstehen?

Jesus weist die erste Versuchung, die Versuchung, sich von Gott unabgängig zu machen, mit einem Bibelwort zurück. Der Versucher aber lässt nicht locker. Er stellt Jesus auf das Dach des Tempels in Jerusalem und fordert ihn auf, sich hinunter zu stürzen. „Wirf dich hinab! Dir kann nichts geschehen. Das steht doch in der Bibel. In einem Psalm heißt es, dass Gottes Engel dich auf den Händen tragen. Nun kannst du beweisen, dass die Bibel Gottes Wort ist und dass Gott tut, was er sagt. Das wird dir großes Ansehen verschaffen unter den Menschen, die nach Gott fragen und es wird denen helfen, die an Gott zweifeln.“

Auch diese zweite Versuchung ist groß. Es ist die Versuchung, die Wahrheit der Heiligen Schrift zu beweisen. Wer von uns wollte nicht sicher wissen, dass alles, was da aufgeschrieben ist, stimmt? Dann wüssten wir sicher auch über Gott Bescheid. Sein Handeln wäre berechenbar, und wir könnten zuverlässig vorhersagen, was Gott in welcher Situation tun wird. Vermutlich wäre das auch missionarisch von großem Vorteil. Die Menschen würden sehen, dass es sich lohnt sich zu Gott zu halten und die Kirchen füllen.

Für die zweite Versuchung sind besonders wir evangelischen Christen äußerst anfällig. Wir gründen ja unseren Glauben allein auf die Heilige Schrift und erkennen in ihr Gottes Wort. Da liegt die Versuchung nahe, einzelne Passagen aus ihrem textlichen und historischen Zusammenhang zu reißen und zu behaupten: Genau so wie es hier geschrieben steht, wird Gott heute und morgen handeln. Aber hätten wir dann nicht aus der Bibel ein Beweisbuch, aus der frohen Botschaft eine Garantieerklärung gemacht? Würden wir damit nicht Gott in seiner Freiheit einschränken und nicht mehr Gott sein lassen? Würden wir uns nicht Gottes bemächtigen statt ihm zu vertrauen? Was aber bedeutet es dann, dass er uns sein Wort gegeben hat und dass wir dieses Wort in den Texten der Heiligen Schrift finden? Auch hier – schwierige Fragen. Fragen, um die wir uns aber nicht drücken dürfen. Unser Verhältnis zu Gott darf nicht dadurch verdorben werden, dass wir ihn zu beweisen und zu berechnen versuchen – auch nicht mit Hilfe der Bibel.

Der Versucher bleibt hartnäckig. Nachdem es ihm zweimal nicht gelungen ist, das Verhältnis Jesu zu Gott zu korrumpieren, führt er ihn auf einen hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche und Güter der Welt. „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Denk nur, was für Möglichkeiten du dann hast. Wenn die ganze Welt dir gehört, dann kannst du sie nach deinen Vorstellungen gestalten. Dann hast du die Macht, Frieden und Gerechtigkeit durchzusetzen. Gewalt und Hunger werden nicht mehr sein. Alle Welt wird dir die Ehre geben!“

Auch die dritte Versuchung ist groß. Wer von uns sehnte sich nicht danach, Macht zu haben. Macht, die Geschicke der Welt zum Guten zu wenden, die Völker zu befrieden und dem Mangel der Armen abzuhelfen. Wer von uns würde nicht gern die Fäden in die Hand nehmen, auf dass die Tränen abgewischt, der Tod entmachtet und Leid, Geschrei und Schmerz ausgelöscht würden? Wer von uns würde nicht gerne die Rolle des Weltenlenkers übernehmen – wenigstens so lange, bis Friede und Gerechtigkeit herrschen.

Besonders anfällig sind für die dritte Versuchung jene Menschen, die politische Verantwortung tragen. Vor fünf Jahren begannen die Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg gegen den Irak. Ziel war es, den Diktator Saddam Hussein zu stürzen und aus dem Irak eine Demokratie zu machen. Das erste Ziel wurde erreicht, das zweite nicht. Im Gegenteil: Täglich werden im Irak unschuldige Menschen von Bomben zerfetzt und das Land ist weit entfernt von einer rechtsstaatlichen Ordnung. Tausende von Soldaten haben ihr Leben verloren. Es ist deutlich: Die, die den Irak angriffen, haben sich schuldig gemacht. - Was jedoch für den Irak klar ist, liegt für Afghanistan im Dunkeln. Die deutsche Regierung wird im Sommer eine Kampfeinheit in den Norden des Landes schicken; andere Verbände sind schon seit Jahren dort. Maßen wir uns damit Macht über ein anderes Volk an und beanspruchen ein Recht, das allein Gott zusteht? Oder tun wir im Gegenteil damit Gottes Willen, indem wir dazu helfen, dass in diesem geschundenen Land wieder Frieden wachsen kann? Auch diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, aber so ist das mit den Versuchungen. Sie stürzen uns in Gewissenskonflikte und Glaubenskrisen.

Jesus widersteht allen drei Versuchungen. Er widersteht der Versuchung, sich von Gott unabhängig zu machen. Er widersteht der Versuchung, Gott seiner Freiheit zu berauben und ihn in die Worte der Heiligen Schrift einzusperren. Und er widersteht der Versuchung, sich Gottes Weltherrschaft anzueignen. So achtet er Gottes Gottheit und gibt ihm die Ehre.

Darauf, liebe Schwestern und Brüder, kommt es auch für uns an: dass wir der Versuchung widerstehen, sein zu wollen wie Gott; dass wir allein auf Gott vertrauen und ihm die Ehre geben. Dass das alles andere als leicht ist, haben wir uns klar gemacht. Mehr noch: Wenn wir in unserem Leben daran festhalten, dass Gott allein der Herr ist, dann wird uns das vielleicht ins Leiden, äußerstenfalls sogar in den Tod führen. Jesus ist uns auch auf diesem Weg vorangegangen. In den kommenden Wochen werden wir uns seines Leidensweges erinnern. Des Weges, den er gehen musste, weil er den Versuchungen widerstand und Gott gehorsam war.

Doch der Weg Jesu ist nicht heillos. Das deutet sich ganz am Ende der Versuchungsgeschichte an. Da heißt es: „Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“ Jesus wird seinen Lebens- und Leidensweg gehen und dennoch von Gott behütet bleiben. Am Ostermorgen werden wir am leeren Grab den Engeln wieder begegnen.

Der Weg Jesu ist nicht heillos, und der Weg, auf dem wir Gott gehorsam sind, ist es auch nicht. Das haben unsere Väter und Mütter im Glauben vor langer Zeit in ihrer Glaubenspraxis so zum Ausdruck gebracht. In der Passionszeit fasteten sie, um ihr Verhältnis zu Gott zu klären und den Gehorsam gegen Gott neu einzuüben. An den Sonntagen aber wurde das Fasten unterbrochen, denn jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest, das uns daran erinnert: Der Weg, den wir im Gehorsam gegen Gott gehen, führt in eine heilvolle Zukunft. Mir leuchtet die Praxis unserer Väter und Mütter im Glauben sehr ein und so freue ich mich in den kommenden Wochen zwar nicht täglich, aber doch sonntäglich und also auch heute auf ein gutes Glas Rotwein.


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