mit der Erzählung, die wir gerade gehört haben, bekommen wir den Ursprung der Menschheitsge-schichte vor Augen, wie sie nach dem sog. „Sündenfall“ ihren Lauf nahm. Wir stehen an der Quelle des Blutstroms, der sich durch die Jahrtausende zieht bis auf unsere Tage. Unmittelbar nachdem die Bibel uns erzählt hat, wie sich die Sünde, das Misstrauen in die Beziehung von Gott zu Mensch, einschlich, erzählt sie, welche Folgen dieser Fall im Zusammenleben der Men-schen nach sich zieht. Missgunst und Entfremdung nisten sich auch unter ihnen ein.
So war das nicht immer! So war das nicht geplant. Der Anfang, den Gott gemacht hat er war sehr gut! Es hätte eine gute Geschichte werden können zwischen Gott und Mensch und zwischen den Men-schen inmitten der Schöpfung. Von Haus aus, das hören wir auf den ersten Seiten der Bibel, war der Mensch nicht des Menschen Feind. Er war vielmehr sein Bruder.
Vielleicht erzählt die Bibel die Schöpfung der Welt deshalb als Familiengeschichte. Das Entscheiden-de spielt sich innerhalb einer Familie ab: zwischen Frau und Mann und dann zwischen den Geschwis-tern. Es wird mehr Menschen gegeben haben. Wir erfahren so ganz beiläufig, dass Kain, nachdem er sein Land verlassen muss, eine Frau findet. Wo kommt die her, wenn es doch nur Adam, Eva und ihre beiden Sprösslinge gab? Das interessiert die Bibel wenig. Sie konzentriert sich zu Beginn ihrer Erzählung allein auf diese Vier, damit wir vor Augen haben: Von Haus aus sind alle Menschen eine Familie, wir sind einander nicht Feind, sondern Geschwister.
Umso unerklärlicher wird, was wir dann zu hören bekommen. Selbst jenseits von Eden deutet nichts darauf hin, dass es nun in des Menschen Natur läge, sich zwangsläufig gegeneinander zu erheben und sich umzubringen. Es ist nicht die Natur des Menschen, dass er seines Nächsten Wolf wird. Oder sagen wir genauer: So ist er nicht geschaffen.
Ich erinnere mich an einen Film, in dem ein eigentlich liebenswerter Mensch zum IRA-Terroristen wird. Auf die Frage, warum er denn meint, mit Gewalt und Mord die Welt verändern zu können und warum er selbst seine nächsten Mitmenschen dazu missbraucht, antwortet er mit einer Fabel:
„Ein Frosch und ein Skorpion stehen am Rand eines Flusses. Beide wollen auf die andere Seite. Der Skorpion sagt zum Frosch: ‚Ich kann nicht schwimmen. Nimm mich auf deinen Rücken, so kommen wir beide ans andere Ufer.’ Da sagt der Frosch: ‚Nein, ich bin doch nicht dumm. Du wirst mich mit deinem Stachel stechen und ich werde sterben.’ Da sagt der Skorpion: ‚Ich bin auch nicht dumm. Wenn ich dich steche, so werden wir beide sterben, weil ich dann im Fluss ertrinke.’ Das klingt logisch, denkt der Frosch, und lässt den Skorpion auf seinen Rücken. Sie schwimmen los. In der Mitte des Flusses schreit der Frosch auf: ‚Skorpion! Jetzt hast du mich doch gestochen! Warum hast du das getan? Jetzt sterben wir beide.’ Da antwortet der Skorpi-on: ’Ich kann nicht anders. Das liegt in meiner Natur.’“
Es mag in der Natur des Skorpions liegen, einem bestimmten Programm gehorchen zu müssen, selbst wenn ihn das selber das Leben kostet. Beim Menschen, so erzählt die Bibel, ist das so nicht. Es liegt nicht in seiner von Gott gewollten Natur, dass er der Feind und Mörder des anderen wird. So schlicht erklärt sich das Phänomen der Menschheitsgeschichte nicht. Wir können nicht mit unserer „Natur“ erklären, was die Bibel mit dem alten Wort „Sünde“ bezeichnet. Aber trotzdem ist es so gekommen. Daran lässt die Bibel keinen Zweifel, und wir können es täglich selber sehen: Menschen bringen einander um.
Aber schauen wir noch mal etwas genauer in unseren Text. Die Geschichte der Menschheit jenseits von Eden beginnt mit der Hoffnung des Lebens. Kinder werden geboren. Auch jenseits von Eden geht das Leben weiter, mit Alltagsarbeit und Sonntagsheiligung gewissermaßen.
Wir sehen Kain und Abel beim Gottesdienst. Sie bringen Gott ein Dankopfer. Dabei blickt Gott Abel und sein Opfer wohlwollend an, aber Kain und sein Opfer scheinen ihn nicht zu interessieren. Damit kann Kain sich nicht abfinden. Er kann sich nicht mit seinem Bruder und mit Gott über einen gelungenen Gottesdienst freuen, sondern er will selber der Anlass der Freude sein. Ihm genügt es nicht, dass Gott gedankt wird, sondern er will, dass es auf seine Weise geschieht und der Dank im wahrsten Sinn des Wortes auf seinem Mist gewachsen, Frucht seiner Arbeit ist.
Da spricht Gott ihn an: „Kain, warum wirst du zornig? Warum freust du dich nicht mit. Ist es nicht gleich, ob ich das Opfer deines Bruders oder das deine ansehe? Kommt nicht alles aus einer Familie und von einem Erdboden, und gilt es nicht mir, dem alleinigen Gott? Schau nicht zu Boden, sondern schau auf deinen Bruder und freu dich mit uns! Sieh einmal ab von dir, ärgere dich nicht, wenn du nicht an erster Stelle stehst! Wenn du fromm bist (wörtlich: Wenn du Gutes meinst), brauchst du deinen Blick nicht zu senken.“ Ist nicht Segen und Gottes Gegenwart auf Erden, auch dann, wenn Gott meinen Bruder ansieht?
Die ursprüngliche Gemeinschaft von Gott und Mensch zerbrach daran, dass der Mensch sein wollte wie Gott. Er misstraute Gottes Güte. „Sollte Gott missgünstig sein?“ hatte die Schlange ihn suggestiv gefragt. Und nun zerbricht die Gemeinschaft der Menschen untereinander daran, dass Kain seinem Bruder Gottes Anerkennung missgönnt und sich zu Gott, zum Herrn über Leben und Tod aufschwingt. Abel wird zum Konkurrenten. Abel muss weg.
Gott ahnt, was in Kain vorgeht. Die Sünde lauert vor der Tür und wartet darauf einzudringen. „Du aber herrsche über sie!“, sagt Gott. Aber kaum hat er ausgesprochen, da nimmt das Unheil seinen Lauf. Innerhalb einer Familie, am Gottesdienst bricht sie auf, die Sünde, die zum Brudermord führt. In der Mitte der Religion, da wo die Geburtsstunde des Friedens sein sollte, wird der Mord geboren. Wir können’s nicht erklären, wir sehen es aber immer wieder: Kain erschlägt seinen Bruder Abel, und die Religion ist irgendwie immer mit im Spiel.
Eine Frage bleibt offen. „Ist’s damit erledigt? Hat Kain gesiegt, mit Gewalt erreicht, was er wollte? Ist das Ärgernis weg? Hat der herrische Mensch damit die Erde für sich allein, ist der Konkurrent aus der Welt?“
Kain hat sich zwar von der ihm lästigen Gegenwart seines Bruders befreit, aber allein ist er darum noch lange nicht. Der einzige Mitwisser seiner Tat ist zwar zum Schweigen gebracht, aber Gott lebt und redet. Abel ist verscharrt, mit Erde bedeckt, mal mit der Hand, mal mit Bulldozern. Aber die Gräber sind nicht dicht, nicht so abgedeckt, dass das Blut Abels nicht noch zum Himmel schriee. Wenn’s mit dem Töten getan wäre, Kain hätte seine Ruhe. Aber die Tat holt ihn ein. Von nun an regiert seine Vergangenheit über seine Zukunft. Abel ist tot, und doch kommt Kain nicht zur Ruhe.
„Wo ist dein Bruder Abel?“ Ähnlich wie die Stimme Gottes damals in Eden rief: „Adam, wo bist du?“, wie Gott dort den Menschen suchte, so fragt ihn Gott jetzt, jenseits von Eden, nach seinem Bruder. So wie Gott nach dem Menschen sieht, so sollte es bei den Menschen auch sein. „Wo ist dein Bruder A-bel?“ Und Kain antwortet: „Ich weiß es nicht. Sollte ich meines Bruders Hüter sein?“ „Ja, Kain, genau das solltest du sein!“ Das Blut der Getöteten schreit zu Gott und Gott wendet diese Schreie in eine Frage an die Täter: „Wo ist Abel?“ Den Schlussstrich, den die Täter und ihre Kinder so gerne zögen, Gott lässt ihn nicht zu.
„Wo ist dein Bruder Abel?“ Was sollen wir sagen: „Ich weiß es nicht? Ist schon so lange her? Und überhaupt: Was hab ich mit ihm zu tun?“ Der Krieg mit seinen Gräueln ist über 60 Jahre her. Der 11. September jährt sich zum fünften Mal.
„Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde, was ist geschehen?“ „Ich weiss es nicht, Gott. Ich war nicht dabei. Ich habe nichts gewusst. Das ging alles so heimlich still und leise. Plötzlich war er weg, irgendwo hin. Was fragst du mich. Es ist alles so lange her. Und die anderen, sie sind so weit weg: Srebrenica, Dafour, Irak. Lieber Gott, was hab ich damit zu tun? Gib doch Ruhe!“. Gewissenhaft verscharrt wurden und werden die Abels dieser Welt. Dennoch haben sie eine Stimme, solange Gott lebt und fragt: „Wo sind sie? Was habt ihr getan? Was ist geschehen?“
Doch was soll nun aus Kain werden, der auf Tausend nicht Eins zu antworten weiß? Er erschrickt, als er von Gottes Zorn erfährt. Es ist weniger die Schuld, die ihn erschrecken lässt als die Strafe, die ihm droht. „Sie ist zu groß, als dass ich sie tragen könnte“, sagt er. „Auf der Flucht werde ich sein und vogelfrei. Ich werde sie nicht mehr los, die Folgen meiner Tat. Jetzt wird es so weitergehen. Auge um Auge. Ich hab ja nichts zu meiner Verteidigung zu sagen!“
Und dann ist es bemerkenswert, wie Gott mit Kain verfährt. Hart geht er mit dem Mörder ins Gericht. Er lässt ihn nicht klammheimlich über sein Opfer siegen. Auf dem Blutacker wächst kein Gras über die Schuld. Kain ist zum Mörder geworden, und kein Erklärungs- oder Entschuldigungsversuch kann hier unternommen werden, aber Kain bleibt Mensch. Gott entzieht selbst ihm den Rechtsschutz nicht. Er wird nicht den anderen zum Fraß vorgeworfen, an dem sie sich vielleicht gar selber eine gutes Gewissen verschaffen könnten. Keine Hatz auf einen Vogelfreien! Kein Guantanamo, rechtsfreier Raum! Was Kain seinem Bruder verwehrte, eben sein Hüter zu sein, das wird ihm von Gott selbst gewährt. Gott gibt ihm ein Zeichen, ein Schutzzeichen, das ihn bewahren soll vor den anderen Kains dieser Welt. Auch jetzt soll kein Naturgesetz daraus werden, dass es Kain und Abel geben muss und dass, wer kein Abel werden will, eben ein Kain sein muss.
Ihr Lieben, die Bibel erzählt den Beginn der Menschheit als Familiengeschichte. Wenn wir zu dieser Menschheit dazugehören wollen, dann können wir nicht sagen: Was geht mich der Fremde da an, der Andere, der Jude, der Muslim, der Ausländer, der Andersdenkende oder Anderslebende? Was hab ich mit denen zu schaffen? Sollte ich deren Hüter sein? So weit lässt uns die Bibel gar nicht schweifen. „Geschwister seid ihr, alle“, erzählt sie. Unterschiedlich von Anfang an, aber Kinder derselben Eltern und verantwortlich dem einen Gott“. Darum ist jenseits von Eden jedem die Frage gestellt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Vor dieser Frage stehen wir täglich. Sie hat sich nie erledigt. Sie darf nie verstummen und sie verstummt nie, solange das Gebot Gottes erklingt: „Liebe deinen Nächsten“ und hab acht auf deinen Bruder.
Mit der Erzählung von Kain und Abel stehen wir an der Quelle des Blutstroms, der sich durch die Jahrtausende zieht. Vorsichtig erzählt die Bibel diese Geschichte. Es kann keine Logik aus ihr gezogen werden, keine Erklärung, die darauf hinausliefe, dass es eben so sein müsse, dass es gar nicht anders ginge. Gott gibt beide nicht auf: Nicht das Opfer, nicht den Täter. Wie könnte die Geschichte anders verlaufen? Vielleicht, wenn wir noch einmal vor den ersten Brudermord zurück könnten?
Hilde Domin hat es in einem Gedicht einmal so formuliert:
Abel steh auf
es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden
täglich muss die Antwort noch vor uns sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder
Damit die Kinder Abels
sich nicht fürchten
weil Kain nicht Kain wird5
Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge wird weniger
wie ich auf die Antwort warte
Abel steh auf
Damit es anders anfängt
zwischen uns allen.
Abel steh auf! Es wäre jetzt eine eigene Predigt davon zu erzählen, wie er aufsteht, dass er aufgestan-den ist, dass er vor uns allen steht. Von Jesus wäre zu erzählen, dessen Blut, wie der Hebräerbrief sagt, „lauter schreit als das Abels“ (Brief an die Hebräer 12, 24); von ihm wäre zu reden, der die Rettung Abels und die Hoffnung Kains ist.
Wer Jesu Leben und Sterben für sich sprechen lassen will, der wird darum die Frage immer vor sich haben: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Und im Blick auf den Gekreuzigten die Antwort hören: „Hier ist er, aufgestanden, damit es anders anfängt zwischen uns“.
Amen.