Predigt

Copyright Kantorei Barmen-Gemarke e.V
12. November 2006
Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
Pfarrerin Sylvia Bukowski, Wuppertal-Barmen

Predigt über 2. Brief des Paulus an die Korinther 5, 10

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.


Liebe Gemeinde!

Über das göttliche Gericht wird in der Kirche kaum noch geredet, gepredigt oder im Unterricht gelehrt. Und viele werden wahrscheinlich sagen: Das ist auch gut so! Denn wie viel Angst und Schrecken ist mit dieser Vorstellung jahrhundertelang unter den Gläubigen verbreitet worden, wie unmündig sind sie mit einer drohenden Verdammnis gehalten worden, und wie stark ist ihre Frömmigkeit dadurch auf das Jenseits gerichtet geblieben! Da kann man doch wirklich nur froh sein, dass das inzwischen hinter uns liegt, dass Gottes Liebe heutzutage im Mittelpunkt der Verkündigung steht, dass Menschen in der Gemeinde zum aufrechten Gang ermutigt werden und lernen, im Glauben Verantwortung für das Diesseits zu übernehmen!

Und wenn man erst einmal einen Blick bekommen hat für die Hölle, die sich Menschen hier auf der Erde gegenseitig bereiten, dann kann man höchstens noch mit kunsthistorischem Interesse die mit sadistischer Akribie ausgemalten Darstellungen der Hölle betrachten, zu der ein göttlicher Richter angeblich verdammt. Theologisch muss man sie verabscheuen.

Nur manchmal, nur wenn einem das Leiden  der Opfer menschlicher Gewalt besonders aufwühlt oder wenn völlig skrupellose Täter viel zu glimpflich  davonkommen,  nur dann sehnt man sich manchmal nach einer „höheren Gerechtigkeit“, die die Schuldigen „richtig“ straft  und die die mutwillig zerstörten Leben heilen kann….

Wiederum: Wenn Gott ganz konkret darum angegangen wird, wenn  er z.B. in den Rachepsalmen aufgefordert wird, die Gottlosen zu vertilgen, und damit sind die Skrupellosen gemeint, oder wenn er ihnen die Zähne zerbrechen soll, schrecken wir meist doch wieder zurück. Wir distanzieren uns von so einem unverhohlenen Rachedurst, den viele immer noch für typisch jüdisch halten, und grenzen uns dagegen mit dem Hinweis auf das angeblich typisch christliche Liebesgebot ab. Dabei vergessen wir oft, dass das ja auch aus dem Alten Testament stammt und leider auch bei uns kaum praktiziert wird.

Ich will damit nicht sagen, dass ich es falsch finde, wenn Christen jede grausame Behandlung von Menschen zu verabscheuen gelernt haben , auch dann, wenn sie Gott zugeschrieben wird. Ich weiß, wie wichtig es ist, dass wir eigenen Rachegelüsten  im persönlichen Umgang miteinander und auch in der Politik bewusst Grenzen zu setzen versuchen. Aber wenn wir angesichts des  himmelschreienden Unrechts auf dieser Welt und angesichts so vieler ungesühnter Verbrechen von Liebe sprechen, müssen wir doch fragen: Wo bleibt denn dann das Recht?

Und was ist eine Liebe wert, die über Unrecht einfach hinweggeht, die das Leiden unzähliger Menschen in Kauf nimmt und sich einreden lässt: Das muss so sein, das geht nicht anders? Ist so eine Liebe nicht eigentlich Gleichgültigkeit? Und weiter: Was können wir von einem lieben Gott erwarten, der so harmlos ist, dass er niemandem mehr etwas tut?

Um unserer selbst und um unserer Welt willen ist es heilsam zu wissen: Bei Gott geht Liebe unlösbar mit Gerechtigkeit zusammen. Ihm ist nicht gleichgültig, wie wir leben, er unterscheidet sehr klar zwischen Gut und Böse und wird jeden Menschen zur Rechenschaft ziehen!  Oder wie Paulus sagt: Wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!

Aber darauf kommt alles an: Christus ist der Richter der Welt! Der, den wir aus den Evangelium kennen, und nicht ein uns bisher unbekannter, düsterer Gott, der Lust daran hat, Menschen zu strafen! Christus ist Richter der Welt! Und wir können darauf vertrauen, dass Christus sich auch im Gericht treu bleibt , dass er die Täter  zurecht bringen und das zerstörte Leben der Opfer heilen wird..

In Liebe wird er die Wahrheit über uns aufdecken. Und weil er selber unter menschlicher Bosheit und Gleichgültigkeit gelitten hat, können wir ihm gegenüber kein Leid verharmlosen. Weil er als Gefahr für die öffentliche Ordnung gewaltsam hingerichtet worden ist, kann niemand vor ihm Gewalt rechtfertigen. Er kennt jeden Schmerz, auch den der Seele, weil er wie kein anderer von Gott und der Welt verlassen war in den schlimmsten Stunden.

Aber selbst im Tod hat Jesus nicht Schluss gemacht mit uns Menschen, sondern hat in Liebe zu einem neuen Leben gefunden, nicht mit Bitterkeit, sondern mit Liebe wird er uns richten. Allerdings, wie schon gesagt, nicht mit einer harmlosen Liebe, die uns alles durchgehen lässt. Zu der Liebe Christi gehört das Nein zu allem, was das Leben und die Gemeinschaft mit Gott und  anderen Menschen zerstört. Ein Nein nicht nur zu offenkundiger Bosheit, die wir hier alle sicher zu vermeiden suchen. Jesus sagt Nein auch zu jeder Form von Selbstgerechtigkeit, vor der auch wir nicht gefeit sind. Genauso sagt er nein zu der Behäbigkeit, mit der wir uns selbst bequem eingerichtet haben in einer ungerechten Welt, ein Nein und auch zu allen richtigen Deklarationen, denen keine Taten gefolgt sind.

Aber mit diesem Nein richtet Christus uns nicht zu Grunde. Mit diesem Nein löst er uns heraus aus allem, was uns voneinander und von Gott trennt. Es bedeutet also nicht  ewige Verdammnis, sondern im Gegenteil: Es eröffnet ewiges Leben, Leben in Einklang mit Gottes Willen – schon jetzt, wenn wir Gottes Wort hören und auch dereinst im Endgericht. Leben sollen alle, die vor dem Richtstuhl Christi offenbar werden.

Durch die Konfrontation mit Gottes Liebe und also nicht in Folge grausamer Strafandrohung wird im Gericht auch Heulen und Zähneklappen sein, wie Jesus es selber angekündigt hat. Denn wenn er die Wahrheit über uns aufdeckt, wird uns Manches erst richtig Leid tun, was wir jetzt vielleicht noch schönreden oder verdrängen können. Und wenn die großen Menschenschinder ihren Opfern in die Augen sehen müssen und ihrer Schuld nicht mehr ausweichen können, wird das für sie die Hölle sein.

Aber gleichzeitig beginnt mit dem Schmerz über das wahre Ausmaß aller Schuld und allen Leidens auch schon die Heilung. Ich könnte auch sagen: Es ist der Geburtsschmerz eines neuen Lebens. Denn wir werden alle Gott Recht geben müssen in seiner Sicht unseres Lebens, wir werden den Maßstab seines Gerichts, den Maßstab der Liebe endlich als gerechten Maßstab anerkennen und keiner wird mehr etwas dagegen setzen. Und das bedeutet: Keiner wird mehr im Aufruhr gegen Gott bleiben, keiner wird mehr mit seinem Nein zu Gott das eigene und das Leben anderer beschädigen. Unsere Sünde wird zu einer Vergangenheit, die nicht ausgelöscht wird, aber die keine Macht mehr hat über Gegenwart und Zukunft, sprich: die vergeben ist..

Und die, die betrogen worden sind um ihr Recht, denen ihr Glück zerstört und ihr Leben mit Gewalt genommen worden ist, die werden durch Jesu Gericht Genugtuung erfahren, sie werden aufatmen können und neues Leben empfangen in Schalom, übersetzt: in vollkommenem Genüge.

Die Wahrheit wird euch freimachen, hat Jesus schon in seinem irdischen Leben seinen Nachfolgern angekündigt. Dass das stimmt, erleben wir schon jetzt bisweilen im persönlichen Umgang miteinander. Das zeigen in politischer Hinsicht aber z.B. auch die Wahrheitskommissionen in Südafrika oder Ruanda, die die Wahrheit über die begangenen Verbrechen aufdecken, um Versöhnung zwischen Opfern und Tätern möglich zu machen. Und auch im Blick auf unsere deutsche Geschichte, an deren Unheil wir gerade in diesem Monat mehrfach erinnert werden, ist Wahrheit die Grundlage zur Aussöhnung mit den Opfern.

Die Wahrheit wird euch frei machen. Zu dieser Verheißung steht Christus auch als Richter der Welt. Und wenn wir offenbar werden vor seinem Richtstuhl, dann werden wir endlich vollkommen versöhnt, miteinander und mit unserem Gott. Deshalb lassen Sie uns wieder reden, predigen und lehren von dem heilsamen göttlichen Gericht und leben nach Christi Richtmaß, dem Maß von Gerechtigkeit und Liebe, schon jetzt. 


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