den meisten von uns ist diese Mahnung vertraut. Ein typisches Jesuswort: „Liebt eure Feinde“. Dabei ist an diesem Wort im Grunde alles befremdlich. Nicht nur die Ermahnung, die Feinde zu lieben, sondern auch die Tatsache, dass Jesus ganz selbstverständlich voraussetzt: „Ihr habt Feinde.“
I.
Lassen Sie mich zuerst bei diesem Sachverhalt verweilen. Die gesamte Bibel Alten und Neuen Testaments setzt voraus, dass das Volk Gottes Feinde hat. Feinde sind deshalb ein häufig traktiertes Thema. Mehr als 450 Mal kommt das Wort in der Bibel vor: Von persönlichen Feinden ist da die Rede, aber auch von feindlichen Gruppen und Strömungen, oft auch von politischen Feinden. Angesichts der breit gestreuten Aufmerksamkeit, die den Feinden in der Bibel zuteil wird, ist es schon auffallend, dass dem „Feind“ im größten theologischen Lexikon, der „Theologischen Realenzyklopädie“, kein eigener Artikel gewidmet ist. Es bedarf schon eines gewissen Spürsinns, um die Feinde in diesem vielbändigen Werk zu finden. In anderen bedeutenden theologischen Lexika wird man vom Stichwort „Feind“ an die „Liebe“ weiter verwiesen, dort muss man sich dann bis zur „Feindesliebe“ vorarbeiten. Eine interessante Verschiebung: Statt angesichts von Feinden zur Liebe sich durchzuringen, erlaubt man sich nur unter der Klammer der Liebe einen Blick auf die Feinde.
Interpretiere ich da zu viel hinein? Immerhin kommt schon Mitte der 80er Jahre ein bedeutender Erforscher protestantischer Predigt, Manfred Josuttis, zu der Beobachtung: „Wenn etwas die Predigt der Gegenwart quer durch alle theologischen Schulen hindurch charakterisiert, dann dies: Sie enthält keine Feinde mehr. Sie ist kaum bevölkert von Figuren, die kritisiert und attackiert werden.“
Nun hat dieser Sachverhalt auch sein Gutes. Es ist gewiss im Sinne der Mahnung Jesu, wenn christliche Predigt nicht dazu missbraucht wird, Feindbilder zu produzieren und Konflikte zusätzlich religiös aufzuladen. Das hatten wir lange genug! Und umso bitterer stößt es uns auf, wenn heute wieder im Christentum wie in anderen Religionen, der Glaube zur Waffe wird, zum Feuer, welches den Konflikt anheizt, zur frommen Propaganda, die menschenverachtendes Wüten als Gottesdienerschaft umdeutet.
Das ist doch die abgründige und brandgefährliche Tragik der fundamentalistisch angeheizten Empörungskampagne: Wenn man die Leute fragen würde was sie zu solcher Wut zu solchem Gewaltfuror treibt, sie würden wahrscheinlich antworten: die Ehrfurcht vor und die Liebe zu Allah und seinem Propheten. Wobei wir keinen Grund haben den Missbrauch von Religion als muslimisches Spezialproblem anzuprangern. Nicht nur in der Vergangenheit, auch in der Gegenwart gibt es brandgefährlichen christlichen Fundamentalismus, der das politisch-rationale Denken und Handeln korrumpiert; man denke nur an die religiöse Rede von der „Achse des Bösen“ und ihre Folgen.
Andererseits, und das ist ebenso wichtig: Man kann Religion nicht nur als Waffe missbrauchen, sondern auch als Watte, die alles Kantige abdämpfen soll. Als rosarote Brille, die den Blick auf die raue Wirklichkeit trübt. Als Opium, das betäubt statt zu heilen. Das sieht harmloser aus, ist aber nicht weniger gefährlich. Denn durch Nicht-Wahrhaben verschwindet der Feind ja nicht, und den Widersacher verleugnen ist etwas völlig anderes, als ihm zu vergeben. Laut Jeremia sind es die falschen Propheten, die „Friede, Friede“ rufen, wo gar kein Friede ist (Jeremia 6, 14). Es kann nichts Gutes entstehen, wo Harmonie an die Stelle von Wahrheit und Klarheit tritt. Und es geht auf Kosten der Unterlegenen und der Opfer, wenn Frieden beschworen wird, statt ihn zu schaffen.
Deshalb hat Jesus eben nicht gesagt: „Habt keine Feinde“. Dass der Fromme im Gottlosen einen Feind hat, davon reden die Psalmen ein übers andere mal. In dieser Tradition versteht sich Jesus, dessen Geschichte sich auch erzählen lässt als lebenslange Auseinandersetzung mit seinen Feinden. Er kann sogar sagen: „Ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Matthäus 10, 34). An ihm entstehen Konflikte, die bis in die Familie hinein reichen. Und bei Paulus heißt es vom erhöhten Christus: „Er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße legt. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.“ (1.Bref des Paulus an die Korinther 15, 25f.). Bis dahin ist die Gemeinde Jesu Christi aufgerufen, den Mächten der Sünde und des Todes zu widerstehen, und das heißt zuallererst, die Feinde der Güte Gottes zu erkennen und zu benennen.
Spürt man das uns Christen, unseren Gemeinden, unserer Verkündigung und unserem Verhalten ab, dass wir Feinde haben? Etwas weniger provozierend gefragt: Wissen die Menschen, wo sie mit uns dran sind? Was mit uns zu machen ist, und wo wir widerstehen werden? Wofür wir zu haben sind und wofür nicht?
Wir haben - mühsam genug - nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches Toleranz gelernt, haben zu einer offenen und demokratischen Gesellschaft gefunden, und das ist gut so und muss bewahrt und stetig ausgebaut werden. Aber wir haben ebenso zu lernen, dass Toleranz nicht heißen kann, die Dinge laufen zu lassen, kein „Laissez faire“! Die Toleranz hat im Wahrheitseifer ihr notwendiges Widerlager. Arbeit an einer offenen und demokratischen Gesellschaft bedeutet auch den klaren Blick für Kräfte und Gruppen bzw. Gesellschaften, denen eben dies ein Dorn im Auge ist, die im Extremfall unter uns gegen uns leben wollen.
Als Bischof Huber die unter uns lebenden Muslime weiland aufforderte, sich von muslimisch-religiös motivierter Gewalt zu distanzieren, waren es gerade kirchliche Stimmen, die ihn dafür kritisierten. Ich fand es einen wichtigen Beitrag, um deutlich zu machen, wofür wir stehen und wo wir von unseren muslimischen Mitbürgern Klarheit fordern. Umso mehr ist heute dankbar festzustellen, dass 16 Muslimische Organisationen in Deutschland ausdrücklich die gegenwärtige Gewaltwelle verurteilen.
Noch einmal allgemein formuliert: Es ist hohe Zeit, dass wir die Grenzen unserer Toleranz klar abstecken, Ja zu Achtsamkeit und zu offenem Interesse an Menschen anderen Glaubens und anderer Kulturen. Ja dazu, den andern in seinem Anderssein zu respektieren. Aber nein zu einer Parallelgesellschaft, in der Werte und Menschenrechte, die in unserem Land mühsam errungen wurden, in Frage gestellt oder missachtet werden.
Ja zu uneingeschränktem Respekt vor den religiösen Gefühlen derer, die anders glauben als wir. Der Auslöser des gegenwärtigen Desasters war ein falscher Gebrauch journalistischer Freiheit! Aber nein zu der politischen Funktionalisierung dieses Anlasses. Die fundamentalistischen Scharfmacher missbrauchen die Karikaturen, um ganze Gesellschaften aufzuhetzen und antiwestlich einzuschwören. Sie nehmen die vermeintliche Gotteslästerung als Argument, um die Werte der Demokratie, die zu fürchten sie allen Grund haben, zu diskreditieren. Wie bigott die zur Schau gestellte Aufregung ist, davon konnten sich die Zuschauer des Politmagazins Frontal 21 überzeugen: Es ist unsäglich, was arabische Sender täglich in Millionen von Haushalten an Gewaltverherrlichung und an antijüdischer Hetzpropaganda ausstrahlen. Da werden selbst Kinderseelen systematisch vergiftet. Wer im Raum der Kirche immer wieder betont, dass man doch die Verletzung der religiösen Gefühle von Moslems durch die Karikaturen verstehen müsse, sollte die Tatsache, dass sich hier viele empören, denen selbst nichts heilig ist, nicht verschweigen.
Und schließlich: Ja zu allem, was einem gerechten, um Ausgleich bedachten Frieden im Nahen Osten dient. Nein und nochmals nein zur Bestreitung des Existenzrechtes Israels, zu seiner physischen Bedrohung und nein zu jeder Form von Antisemitismus. Ich werde das Gebot der Feindesliebe gleich auslegen. Eines muss ich aber vorweg betonen: Jesus sagt: „Liebt eure Feinde!“ Diese Liebe muss man sich etwas kosten lassen. Hingegen ist es billig, die Feinde anderer zu lieben. Wenn mein Nächster bedroht wird, so besteht meine Aufgabe nicht im Vergeben, sondern darin, dem Unrecht zu wehren und der Gewalt Einhalt zu gebieten!
Wer Hass predigt und antisemitische Hetze betreibt, zu Gewalt aufruft und den Terror verherrlicht, der kann der Christen Freund nicht sein. Wir müssen in der Lage sein, Gegnerschaft klar zu erkennen und zu benennen, sonst wird aus Feindesliebe Kumpanei.
II.
Was aber meint dann die Forderung „Liebet Eure Feinde!“?
Klar ist zunächst: Jesu Mahnung zielt auf das Verhalten der jeweils Angeredeten. Jetzt also meint Jesus gerade uns. Und er sagt eben nicht: Verkündigt Feindesliebe! Oder: Fordert Feindesliebe! Oder: Klagt an, dass eure Feinde nicht genug lieben! Selbst wenn das so ist, es nutzt gar nichts, auf Liebe zu warten oder sie einzuklagen. Wer will, dass sie gedeiht, muss lieben. Feindesliebe will wie jede Liebe gelebt sein. Mit den Worten des Johannes: „Lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ (1. Brief des Johannes, 33, 18)
Und was bedeutet das? Der Zusammenhang, in dem Jesu Mahnung steht, macht klar, dass „lieben“ hier so etwas wie ein Platzhalter ist, nicht für ein inneres Gefühl, sondern für eine Fülle von Handlungen: Vom Grüssen ist da die Rede und davon, die anderen ins Gebet zu nehmen; vom Vorleistungen-Erbringen und vom großzügigen Leihen, vom Nicht-Anrechnen, die andere Wange hinhalten, vergeben. Ganz unterschiedliche Handlungen, weil eben die Menschen und die Situationen verschieden sind, und auch die miteinander verstrickten Feinde. Aber alles, was Jesus lehrt, weist in eine Richtung: Mach nicht „mehr desselben“, sondern geh den ersten Schritt auf einen neuen Weg. Anstatt Böses mit Bösem zu vergelten, trachte danach, die Dynamik der Eskalation zu stoppen und den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen.
Lassen Sie mich sagen, was für mich daraus in der augenblicklichen Situation folgt. Ich sage es zunächst negativ: Wir dürfen uns nicht anstecken lassen. Feindesliebe ist das Gegenteil der Regel, dass auf einen groben Keil ein möglichst noch gröberer Klotz gehört. Im Sinne der Mahnung Jesu fand ich es deshalb verwerflich und politisch in höchstem Masse gefährlich, dass neulich der Französische Präsident denen, die „gegen uns auf terroristische Mittel zurückgreifen“ mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht hat. Damit verkenne ich nicht die Gefahr, die vom Iran ausgeht. Erst recht, wenn dieser in den Besitz von Atomwaffen gelangte. Und alle Bemühungen sind zu unterstützen, die geeignet sind, solchem Bestreben Einhalt zu gebieten. Aber selbst terroristischer Bedrohung darf es nicht gelingen, dass ein führender Europäer sich in die Barbarei zurückfallen lässt. Auch Terroristen kann man nicht mit einer Waffe drohen, die ihrer Natur nach ein Instrument des Terrors ist, weil sie am Ende alles zerstören würde, was sie zu schützen vorgibt.
Und im Blick auf die jüngsten Ereignisse gilt: Was fundamentalistische Aktivisten in vielen Muslimischen Ländern und Regionen zur Zeit an Hassreaktionen entfachen, ist schlimm und verwerflich. Das muss ausgesprochen werden und darf auch nicht hingenommen werden. Wir dürfen uns aber nicht anstecken lassen, nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, das Eskalationsrad nicht mitdrehen. Wir dürfen die Feinde unserer westlichen Demokratien unsererseits gerade nicht über einen Kamm scheren. Hass starrt, die Liebe sieht genau hin. Sie erkennt, dass hier nicht alle gleich sind. Viele derer, die sich dazu hinreißen lassen, in das Hassgebrüll einzustimmen, unsere Fahnen zu verbrennen, zur direkten Gewalt zu greifen, sind getäuschte, von vermeintlichen Glaubensbrüdern planmäßig indoktrinierte Massen. Viele haben ein demokratisch organisiertes politisches Leben in einer offenen Gesellschaft nie kennen gelernt, vielmehr wurde ihnen eingeimpft, unser Verständnis von Demokratie und Offenheit sei die Wurzel allen Übels. Die Verführten sind nicht harmlos, aber wir sollten sie doch von den Verführern unterscheiden und alles tun, was die gemäßigten und auf Ausgleich bedachten Kräfte in deren Reihen stärkt. Da ist es ganz töricht, wenn den Verführern die Argumente auf dem silbernen Tablett gereicht werden. Wer, wie im Vorfeld des Irakkrieges geschehen, den UN-Sicherheitsrat vor laufenden Kameras und damit die Weltöffentlichkeit belügt und betrügt, ist kein glaubwürdiger Botschafter westlicher Werte, von christlichen ganz zu schweigen.
Und lasst uns vermeiden, das, was im Augenblick geschieht, mit „dem Islam“ gleichzusetzen. Wenn wir, was ich richtig finde, den Islam zur Selbstunterscheidung auffordern, dann müssen wir auch anerkennen, dass der Islam ebenso wenig mit Gewalt und Terrorismus gleichzusetzen ist wie das Christentum mit Inquisition und Kolonialismus. Lasst uns jede und jeder an seiner Stelle alles dafür tun, dass die Wege zueinander führen. Lasst uns darin fortfahren, uns um Begegnung und Dialog zu mühen. Lasst uns auf Fremdes mit Interesse und auf Befremdliches mit Respekt reagieren. Lasst uns dafür beten und daran arbeiten, dass es über Religions- und Kulturgrenzen hinweg zu einem Bündnis der Gutwilligen kommt, die auf gerechten Ausgleich und auf Frieden bedacht sind.
Lasst uns eines nie vergessen: Die ganze Welt wäre schon längst völlig aus den Fugen geraten, wenn es nicht einen gäbe, der das Wort von der Feindesliebe strikt einhält: Unser Himmlischer Vater, der diese Welt nicht fallen lässt, auch wenn sie sich noch so toll gebärdet. Er lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse. Und er hört nicht auf, und wären wir auch noch so verkehrt, uns als seine Kinder zu lieben. Uns alle: Juden und Christen und Moslems und die vielen anderen hat er mit Würde und Schönheit gekleidet. Hinter der Fassade und unter der Maske, durch alle Tünche und noch in der hassverzerrten Fratze erkennt er die Züge seines Ebenbildes, und greift es ihm ans Herz, wenn seine Kinder so in die Irre gehen. Darum ist er mit seinem Segen dabei, wo immer es Menschen gelingt, im anderen den Bruder, die Schwester zu entdecken. Wo des einen Gottes Liebe in uns ein Echo findet, wird Friede wachsen.
Amen